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Rohstoffkrise bei Holz und Kunststoffen – ein Überblick

2021.07.15 Knut Köstergarten • Lesezeit 5’

Die Verbände der Dachdecker verstärken die politische Lobbyarbeit und den Protest gegen Holzexporte in die USA und nach China. Wir erläutern die Ursachen der Rohstoffkrise, die Versorgungslage und die weiteren Aussichten.

Die Gründe für die Preisexplosionen bei Holz und Kunststoff mitsamt der Lieferengpässe sind vielfältig. Sie haben mit Corona zu tun, mit dem Weltmarkt, mit dem Klimawandel und dem Boom beim Baustoff Holz. Der Landesverband der Dachdecker Nordrhein wollte es genauer wissen und lud mit Heiko Keller, Leiter Geschäftsbereich Holz, und Achim Grünewald, Niederlassungsleiter Frechen, zwei Experten der DEG Alles für das Dach zur digitalen Vorstandssitzung zum Thema Rohstoffkrise ein.

Bild von Heiko Keller

Heiko Keller leitet den Geschäftsbereich Holz bei der DEG Alles für das Dach eG. (Foto: DEG)

Stark steigende Holzexporte in die USA und nach China

Der weltweite Boom des Baustoffs Holz setzt im Juni 2020 ein, also mitten in der Corona-Pandemie. Seitdem werden etwa in China und den USA wieder vermehrt Holzhäuser gebaut, vorzugsweise auf dem Land. Befeuert wird das Ganze in Amerika durch das riesige Konjunkturprogramm der neuen Regierung. Das hat zu einer Verdoppelung der Holzpreise innerhalb weniger Monate geführt. Nach Informationen des Unternehmer-Netzwerks Holzklasse importierte die USA 2020 55 Prozent mehr Holz aus Deutschland als im Jahr zuvor. Auch China bedient sich seit 2020 am europäischen Markt – mit knapp 40 Prozent mehr Holzimporten aus Deutschland als 2019.

Bild von Holzstapel im Wald

Im Jahr 2020 in den deutschen Wäldern 80,4 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen.

Mit Borkenkäferholz startete der Export

Angefangen hat die Knappheit, da sind sich viele Experten einig, mit dem Schadholzthema. Seit 2019 war in Deutschland zu viel Holz im Markt wegen des Borkenkäfers. Die USA und China haben noch letztes Jahr massenhaft Rundholz direkt aus dem Forst gekauft und verschifft, insgesamt über zehn Millionen Kubikmeter. Dabei handelte es sich überwiegend um Fichte, die man seit der Zeit kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg für das richtige Bauholz hielt. Heute zeigt sich, dass die Fichte dem Klimawandel mit Trockenheit und Stürmen nicht gewachsen ist. So wurden im Jahr 2020 in den deutschen Wäldern zwar 80,4 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen, was laut Statistischem Bundesamt ein Rekordwert seit der Wiedervereinigung ist. Doch mehr als die Hälfte davon ist Schadholz durch Insektenbefall.

Bild von Holzlager der Genossenschaft

Dank hoher Lagerkapazitäten in den Niederlassungen sind die fünf Einkaufsgenossenschaften der Dachdecker in Lage, die Versorgungssicherheit mit Holz weitgehend zu gewährleisten. (Foto: DEG)

Riesige Sägewerke seit 1990er Jahren mit staatlicher Förderung

Holz ist heute ein Weltmarkt und die großen Sägewerker in Deutschland können die Nachfrage aus China und den USA bedienen. Warum in Europa nur die Deutschen und die Österreicher genug Kapazitäten haben, hängt mit einem Namen zusammen: Fritz Klausner. Der damals 29-Jährige wollte sich nicht mit dem elterlichen Sägewerk in Tirol zufriedengeben, sondern drehte ab 1993 das ganz große Rad. Mithilfe üppiger staatlicher Fördergelder setzte er weitab von jedem Wald in Wismar eines der bis heute größten europäischen Sägewerke an die Ostseeküste. Drei weitere Standorte in Deutschland folgten. 2010 expandiert er in die USA und baut dort drei weitere große Sägewerke, von denen aber keines wirklich rentabel wurde. Kurz darauf endete sein Expansionsdrang mit Verkäufen und der Insolvenz.

Klausner hat mit seinen Investitionen im dreistelligen Millionenbereich aus dem vorher mittelständig geprägten Geschäftsbereich Sägewerker eine Industrie gemacht, andere Große wie Klenk, Ante, Ziegler und Egger zogen schon damals nach. In den letzten Jahren hatten die Besitzer auch schlechte Perioden, jetzt sammeln sie dank der weltweit stark gestiegenen Nachfrage das Geld für neue Investitionen in Maschinen ein. Sogar zwei einstige Werke von Klausner in den USA haben wieder den Betrieb aufgenommen.

Höchststand bei Holzpreisen könnte erreicht sein

Was die Preise für Schnittholz angeht, könnte der Peak mit einem Niveau von leicht über 1.000 Euro pro Kubikmeter langsam erreicht sein. Das entspricht inzwischen den Preisen, die auch in den USA aufgerufen werden. Doch vor Anfang 2022, wenn überhaupt, ist keine Senkung bei den Holzpreisen zu erwarten. Klar ist aber schon jetzt, dass die Preise nicht mehr bis auf das Vorkrisenniveau fallen werden. Denn auch die Waldbesitzer brauchen wieder auskömmliche Preise für den Naturbaustoff Holz.

Bild von Protest gegen Holzexport

Obermeister Roland Oettinger (links), Vorstand der Zimmerer-Innung im Rems-Murr-Kreis, und Zimmermeister Joachim Frick aus Schmiden zeigen ihr Protestbanner im Fellbacher Stadtwald auf dem Kappelberg. (Foto: Ingrid Sachsenmaier)

Die Versorgungslage ist weiter angespannt, weil die Nachfrage höher ist als das Angebot. Doch für alle fünf Einkaufsgenossenschaften gilt, dass Kontingente vorhanden sind und eine normale Menge an Holz fließt. Wichtig ist vor allem, dass Mitglieder und Kunden frühzeitig bestellen. Dann können die Niederlassungen bislang in der Regel aktuelle Baustellen pünktlich beliefern und eine Grundversorgung weitgehend sicherstellen.

„Zertifizierungswahn“ bei Dachlatten

Das gilt auch für Dachlatten, für die allerdings sogar Preise weit über 1.000 Euro pro Kubikmeter aufgerufen werden. Das hat auch zu tun mit der speziellen Zertifizierung durch die BG Bau wegen Trittsicherheit auf dem Dach. Nicht alle Sägewerker haben diese Zertifizierung, wodurch ein Vakuum in der Versorgung entstanden ist, befeuert durch zusätzliche Hamsterkäufe von Betrieben, die den Braten frühzeitig gerochen haben. So spricht sich etwa der Landesverband der Dachdecker Nordrhein dafür aus, diesen „Zertifizierungswahn“ zurückzuschrauben.

Vielfältige Ursachen für Kunststoffknappheit

Beim Thema Dämmstoffe und Kunststoffen sorgen laut Informationen der Lieferanten mehrere Ursachen zusammen für die aktuelle massive Verknappung. So fehlt es an Basisrohstoffen wie Styrol, aber zusätzlich auch immer mal wieder an anderen Komponenten, in allen Branchen und weltweit. Hier werden der extreme Wintereinbruch in Texas und die damit verbundenen Pipelinebrüche und pandemiebedingte Werksausfälle genannt. Die Produktion in den USA ist dadurch um mehr als die Hälfte eingebrochen. Diese lokalen Probleme machen sich weltweit so stark bemerkbar, weil etwa in Texas eine große Menge Styrol für den Weltmarkt produziert wird.

Bild von Dämmstoffen

Bei Dämmstoffen fehlt es an Basisrohstoffen, wie etwa Styrol.

Zudem kam es in Europa in mindestens vier Anlagen für die Herstellung des Basisrohstoffs MDI zu Störungen. Etwa in Holland herrschten in einer der größten europäischen Produktionsstätten bis zu acht Wochen Stillstand. Asien hat selbst einen höheren Bedarf, weshalb dort weniger als früher exportiert wird. Auch die USA haben einen ungebrochenen Bedarf an MDI. Hier ist aber vielleicht etwas Entspannung in Sicht, wenn BASF eine Anlage in Louisiana ausgebaut hat und die Produktionsmenge dort verdoppeln kann. Der Ausbau soll gegen Ende 2021 abgeschlossen sein.

Neben den bekannten Problemen mit fehlenden Frachtcontainern und zu wenig Frachtraum gab es auch noch Stau in den europäischen Häfen, da die Schiffe nach der Aufhebung der Suez-Kanal-Sperrung alle gleichzeitig in den Häfen ankamen.

Steigende Nachfrage bei Bitumen

Bei Bitumen ist der Markt in Deutschland im Jahr 2020 um 6,5 Prozent gewachsen. 2021 rechnet man noch einmal mit einem Zuwachs um 2,8 Prozent. Diese Steigerungen und fehlende Basisrohstoffe sorgen auch hier für Lieferengpässe. Für Mitglieder und Kunden gilt, dass der Bedarf rechtzeitig angemeldet werden sollte. Pauschale Aussagen zu preislichen Tendenzen können hier nicht verlässlich getroffen werden. Gleiches gilt für Kunststoffdachbahnen. Insbesondere im Bereich der PVC-Bahnen gibt es längere Lieferzeiten. Frühestens im Laufe des Herbst 2021 könnte sich die Rohstoffkrise langsam wieder entspannen.

Bild von Bitumenbahnen

Flachdachbahnen und Bitumen: stark steigende Nachfrage.

Rohstoffkrise: Dachdecker mit Bundeswirtschaftsminister im Gespräch

Das Thema Materialengpässe und Rohstoffkrise ist jetzt auch bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angekommen. Er lud Vertreter aus Bauhandwerk und Holzwirtschaft zum digitalen Runden Tisch ein. Laut Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) erteilte Altmaier allerdings einem Exportstopp für Holz eine Absage. Hingegen sah er Handlungsbedarf beim Verzicht auf Konventionalstrafen bei lieferbedingten Bauzeitverzögerungen und zeigte sich offen für eine temporäre Aussetzung des Holzeinschlagsverbots nach dem Forstschäden-Ausgleichsgesetz. „Der Bundeswirtschaftsminister hat erkannt, dass es hier nicht nur um Befindlichkeiten einzelner Gewerke oder Branchen geht, sondern dass die Klimawende und die Sicherung von neuem Wohnraum eng an eine funktionierende Bauwirtschaft gekoppelt sind“, erklärt ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk.

Bild von Mitarbeiter im Holzlager

Holzverarbeitung bei der DEG Dach-Fassade-Holz eG, Niederlassung Fuldabrück. (Foto: DEG)

Preisgleitklausel für öffentliche Aufträge soll kommen

Reagiert hat Ende Mai das Bundesbauministerium auf die Rohstoffkrise. Den Behörden der Länder und Kommunen wird empfohlen, bei öffentlichen Bauvorhaben Preisgleitklauseln und Fristverlängerungen zu nutzen. Außerdem sollen sie auf Vertragsstrafen verzichten. Beides solle sowohl für neue als auch bereits laufende Vergabeverfahren gelten. Die Frage ist jedoch, wann die Empfehlung bei den örtlichen Bauämtern ankommt und ob sie tatsächlich umgesetzt wird.

Grafik vom ZVDH zum Thema Lattholz

61 Prozent der befragten Betriebe sagen, dass sie höhere Holzkosten nicht an die Kunden weitergeben können. (Grafik: ZVDH)

Weiter am Ball bleiben will die Landesinnung der Dachdecker Nordrhein. Ihr Verbandsvorsitzender Raban Meurer war es, der in der Bild-Zeitung das Thema Holzkrise publik machte. „Wir wollen weiter sachliche Gespräche mit einer dienstleistungswilligen Politik sowie allen Beteiligten vom Handel über die regionalen Sägewerker bis zu den Waldbesitzern führen. Dazu gehören alle Aspekte des Bauens mit Holz und die Frage, wie wir dem Wald nachhaltig helfen können, damit auch kommende Generationen mit Fichte oder Tanne bauen können.“

Sie interessieren sich für das Thema Rohstoffkrise? Dann lesen Sie die Story Dachdeckermeister wehrt sich gegen Preisexplosion bei Holz.

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