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Eine Herausforderung: Nachwuchswerbung für Dachdecker

2018.06.15 Knut Koestergarten • Lesezeit 3’

Aus allen Innungen ist das Gleiche zu hören: Für die Dachdecker wird es schwieriger Auszubildende zu gewinnen. Die Landesinnungen Berlin und Rheinland-Pfalz zeigen, mit welchen Ideen für die Nachwuchswerbung die Betriebe bei Jugendlichen Aufmerksamkeit und Interesse wecken können.

„Deutschland, wo sind deine Handwerker?“, fragte erst Ende November die Wochenzeitung „Die Zeit“. Von drei Monaten Wartezeit für den Endverbraucher bei Bagatellreparaturen war dort die Rede. Das Tröstliche an dieser Entwicklung für Dachdecker ist einzig: Sie sind nicht allein, es trifft alle Gewerke. Der Markt ist leer gefegt. Bei den Dachdeckern allerdings überdurchschnittlich schlimm.

„Das droht zur Wachstumsbremse zu werden“, sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer und schlägt Alarm. Zusammenfassend lässt sich die Situation wie folgt umreißen: demografischer Wandel, die Präferenz auf Abitur und Studium, die Konkurrenz der mit mehr Mehrwert arbeitenden und daher besser bezahlenden Industrie und schließlich das immer noch anhaftende negative Image derer, die ihre Arbeit auch mit ihrer Hände Werk verrichten.

Starker Einbruch bei Ausbildungszahlen der Dachdecker

All das zusammen lässt die Zahlen der Azubis im Dachdeckerhandwerk drastisch sinken: Derzeit sind es dort 6.651 Lehrlinge, vor 20 Jahren waren es noch 15.169, eine Abnahme von knapp 56 Prozent. Allein in den vergangenen vier Jahren verloren die Dachdecker 21 Prozent des Nachwuchses: Gingen noch 2013 genau 8.400 junge Menschen in die Dachdeckerausbildung, waren es 2017 nur noch 6.651.

Bei der Nachwuchswerbung der Dachdecker kommt erschwerend hinzu, dass das Arbeiten bei konstant 21 Grad geregelter Bürotemperatur offenbar bei den meisten Schulabgängern – oder bei deren Eltern – als erstrebenswert gilt. Und das kann auf dem Dach eher selten gewährleistet werden, was kein Nachteil ist. Im Gegenteil: Das Abenteuer, an einer Seilwinde vor einem Kirchturmdach zu hängen, ist sinnlich deutlich erlebnisreicher, als die spannendste Excel-Tabelle auf dem PC-Monitor.

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Einfallsreiche Ideen für die Nachwuchswerbung für Dachdecker.

Nachwuchswerbung für Dachdecker auf 50 Meter Höhe

Das dachte sich auch der rührige Geschäftsführer der Landesinnung Berlin, Ruediger Thaler, und organisierte das krasse Gegenteil in einer aufsehenerregenden Aktion auf dem Alexanderplatz in Berlin Mitte: Hier sorgten zwei Steiger mit 35 Höhenmetern für luftige Verhältnisse, in denen Bewerbungsgespräche für angehende Auszubildende stattfanden – Höhentauglichkeitstest inklusive. Klar, dass dies vor allem Aufsehen erregen und die Jugendlichen abholen sollte.

Denn von einem am gleichen Platz anliegenden Hotel buchen junge Leute für viel Geld das Base-Flying, eine Art Bungee-Jumping Light entlang der 125 Meter hohen Häuserwand des Gebäudes. Die Chefs der rund 200 Berliner Innungsbetriebe sollten nun nach dem großen Erfolg der Aktion keinesfalls alle mit ihren Bewerbern in die Höhe geliftet werden. Nachdem die Landesinnung Berlin auch mit umfänglichen Facebook-Aktivitäten in die Zielgruppe direkt hineingewirkt hatte, wollte Thaler nun die Eltern der Auszubildenden ansprechen: „Die Jugendlichen werden vor allem von den Eltern über ihre Zukunft beraten und die müssen wir Dachdecker bei der Nachwuchswerbung direkt ansprechen“, sagt er.

Hunderttausende Passanten und Pendler sahen daher in den U-Bahnhöfen eine ansprechende Nachwuchswerbung für den Dachdeckerberuf und wurden damit auf die entsprechende Innungsseite gelotst. Hier ist ohne viel Schriftkram einfache Kontaktaufnahme möglich, ein Gespräch über den Beruf folgt dann zeitnah. Der Erfolg der Berliner Aktionen: Knapp 50 Prozent mehr Bewerbungen für eine Dachdecker-Ausbildung in Berlin!

Idee für Nachwuchswerbung: Junggesellen sprechen mit Bewerbern auf Augenhöhe

„Ein Gespräch mit jungen Leuten auf Augenhöhe müsste her, hatten die Aktiven in der Landesinnung Rheinland-Pfalz gefordert“, berichtet deren Geschäftsführer Rolf Fuhrmann und initiierte die Gründung einer Jugendorganisation „Zukunft Dachdecker“. Die inzwischen 26 Aktiven in der neuen Organisation haben ein bundesweit prämiertes Video zum Thema gedreht, nehmen an regionalen Veranstaltungen zur Gewinnung von Dachdeckernachwuchs teil, inspirieren in Vorstandssitzungen der Landesinnung mit ihren Ideen und bilden sich selbst fort, was Social Media betrifft, um auf Facebook und ihrem YouTube-Kanal entsprechend zu wirken.

Nachwuchswerbung sollte Vielfalt des Dachdecker-Berufs vermitteln

Der Lehrlingswart der Landesinnung Berlin, Dachdeckermeister Andreas Friedel, Leiter eines elf Mitarbeiter starken Betriebes, betreut die 90 Auszubildenden und auch deren Ausbilder in Berlin. Er ist für sie Ansprechpartner und hilft bei Problemen, ist auch bei der Anwerbung des Nachwuchses involviert. „Wir dürfen nicht müde werden zu zeigen, dass unser Beruf vielfältig ist und jede Menge Eigenverantwortlichkeit gewährleistet bei gleichzeitiger Einbindung in ein Team“, sagt Friedel.

Gerade die Palette an Einsatzorten und Techniken sei enorm: von der Balkonabdichtung, der Wanddämmung bis natürlich zum Steildach, Flachdach oder der Solarthermie oder Photovoltaik. Die neue Ausbildungsordnung gebe den Auszubildenden zudem im dritten Lehrjahr die Möglichkeit, sich nach eigenen Vorstellungen und den Möglichkeiten im Betrieb zu spezialisieren. Zur Auswahl stehen Dachdeckungstechnik, Abdichtungstechnik, Außenwandbekleidungstechnik, Energietechnik an Dach und Wand oder die Reetdach-Technik.

Dachdecker-Handwerk hat Zukunft lokal vor Ort

Was aber seiner Ansicht nach auf lange Sicht zum Nachdenken anregen sollte, sind die kürzlich ausgesprochenen Massenkündigungen bei Siemens: „Hier sieht man ja, dass da zwar viel Geld gemacht wird, es aber trotzdem Massenentlassungen gibt“, sagt Friedel. Hintergrund sind die von Siemens ausgewiesenen Milliardengewinne bei gleichzeitiger Ankündigung, jede Menge Standorte zu schließen, um weitere Gewinne für die Aktionäre zu generieren. Der Beruf im Handwerk, so Friedel, habe dagegen Zukunft, „denn gebaut und repariert wird immer“.

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