Eine Chinesin lernt Zimmerin bei Hanebutt
27. November 2025
Wenn Qinrui Li morgens auf der Baustelle steht und den ersten Wind über dem Dach spürt, weiß sie: Hier ist sie richtig. Vor zwölf Jahren kam sie aus Tongjiang in der chinesischen Provinz Sichuan nach Deutschland, um ein Masterstudium in Holzwissenschaften und Waldökologie an der Universität Göttingen zu absolvieren. Dass sie Jahre später auf Dachstühlen in und um Neustadt am Rübenberge stehen würde, hätte sie selbst am wenigsten vermutet.
Erst ein Masterstudium Holzwissenschaft
Nach dem Master arbeitete sie zunächst in Bayern für eine Firma, die Möbeloberflächen bedruckte. Ein Job, der ihre technischen Fähigkeiten forderte, das Handwerk selbst aber kaum berührte. Acht Jahre lang war sie in China für dieses Unternehmen tätig und betreute dort eine Tochterfirma. Sie organisierte Prozesse, hatte täglich Besprechungen und erledigte klassische Büroarbeit.

Ihr Traum: selbstständige Handwerkerin
„Ich habe viel mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz gemacht. Das war spannend, aber ich war nicht glücklich“, sagt Qinrui Li. Ihr fehlte das Handfeste, das Sichtbare. Also fasste sie irgendwann einen Plan: Zurück zum Holz, aber dann zum Handwerk, um eines Tages selbstständig zu arbeiten, am besten wieder in Deutschland. Die Sprache beherrschte sie ja bereits.
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Gesucht: Handwerk mit Herz
Ihre Recherche begann sie in China auf den Webseiten deutscher Handwerkskammern, in der Hoffnung, dort eine handwerkliche Ausbildungsstelle zu finden, möglichst als Zimmerin. Doch ihre Erfahrung war: „Dazu gibt es gar nicht so viele Infos, denn viele Betriebe arbeiten immer noch sehr traditionell und sind kaum im Netz sichtbar.“

Hanebutt überzeugte mit Internetauftritt
Doch dann stieß Qinrui Li auf Hanebutt in Neustadt am Rübenberge, Mitgliedsbetrieb der Dachdecker-Einkauf Ost eG: „Hier gab es klare Informationen im Web und in den sozialen Medien. Das Unternehmen hat eine internationale Teamkultur und zeigt Karrierewege auf. Das überzeugte mich“, erinnert sie sich. Die Bewerbung war schnell abgeschickt und das Online-Vorstellungsgespräch mit Florian Mahlich und Lea Hanebutt vom Ausbildungsteam fand gleich am nächsten Tag statt. Und nur einen Tag später kam schon die Zusage!
Start bei Null – mit Mut und Geduld
Im August 2024 begann Qinrui Li’s neues Leben als Auszubildende zur Zimmerin. Ohne irgendwelche Vorkenntnisse: „Ich hatte noch nie einen Akkuschrauber in der Hand. Am Anfang war mir das ein wenig peinlich“, sagt sie. Doch die Kollegen nahmen sie von Tag eins an geduldig an die Hand. Florian Mahlich erinnert sich: „Sie kam mit großem Engagement und wir haben ihr alles Schritt für Schritt gezeigt. Ihr erstes Jahr als Zimmerin verlief unauffällig – und das ist für mich immer ein sehr gutes Zeichen. Dann läuft es.“

Von der Theorie zur Praxis
Von Beginn an durfte Qinrui Li als Zimmerin mitwirken, Dächer öffnen, Gauben aufstellen und mit Hölzern hantieren, die sie zuvor nur theoretisch kannte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell Verantwortung bekomme“, sagt sie. Die Mischung aus Vertrauen und Teamgeist bei Hanebutt begeistert sie: „Hier arbeiten alle Hand in Hand. Ich war überrascht, wie schnell manche Projekte fertig werden – viel schneller, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte.“
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Kulturelle Unterschiede hautnah erleben
Neben dem Handwerk erlebt sie täglich die Unterschiede zwischen China und Deutschland. Frauen in Handwerksberufen und auf Baustellen, Respekt für jede Meinung, freie Diskussionen in der Berufsschule – all das ist in ihrer Heimat kaum vorstellbar. Politikunterricht zum Beispiel: „Ich kann oft nur zuhören und lernen. Von zu Hause kenne ich das so nicht – in China diskutieren wir nicht so offen.“ Auch das Essen ist ein Thema. „In China ist es normal, dreimal täglich warm zu essen – auf der Baustelle in Deutschland gestaltet sich das, gelinde gesagt, schwierig“, lacht die Zimmerin. Deshalb kocht sie sich abends mit Herzblut leckere chinesische Gerichte, um ein Stück Heimat zurückzuholen.

Ausgleich und Freizeit
Ihr Alltag besteht nicht nur aus Arbeit. Fahrradfahren, Wanderungen, Spaziergänge am Steinhuder Meer und Crossfit-Training in Hannover sorgen für Abwechslung. Sie hat sich in Neustadt ein Zuhause eingerichtet und sich eine eigene kleine Community aufgebaut. Der Flug nach China bleibt selten, denn er ist teuer und lang. Die Verbindung hält sie über Videos aufrecht, denn die sozialen Medien, die man hier kennt und nutzt, sind in China nicht erlaubt.
Ein Blick nach vorn: Zukunftspläne
Ein Jahr bleibt ihr noch bis zur Gesellenprüfung. Danach hofft sie auf eine Übernahme bei Hanebutt als Zimmerin, um weitere Erfahrungen sammeln zu können. Doch ihr grundsätzliches Ziel bleibt bestehen: Irgendwann möchte sich Qinrui Li in Deutschland selbstständig machen. „Ich informiere mich schon, was dafür nötig ist. Meinen Traum habe ich nicht aus den Augen verloren.“

Ein Stück Welt auf dem Dachfirst
Die Geschichte von Qinrui Li handelt von mehr als nur einer Ausbildung zur Zimmerin. Sie zeigt einen Perspektivwechsel – für sie, für ihre Kollegen, für das Handwerk. „Sie ist eine Bereicherung für das Team. Erst durch Menschen wie sie merken wir, wie frei wir hier eigentlich sind“, berichtet Florian Mahlich. Während Qinrui Li auf dem Dach die Gauben richtet, baut sie zugleich an etwas Größerem: ihrem zukünftigen Leben.