Glückauf ist der traditionelle Gruß der Bergleute. So auch im sächsischen Schlema, wo Jahrhunderte lang Bergbau betrieben wurde, um Eisen, Kupfer, Silber und später Uran zu fördern.  Kann das Zufall sein, dass genau hier – im heutigen Aue-Bad Schlema – dieser Gruß aktueller denn je ist? Als Gruß der Dachdecker in Sachsen, die hier ihren Weg nach ganz oben starten.

Nach der Wende in die Zukunft investiert

Dachdecker war der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker entgegen allen Gerüchten eigentlich nie. Denn seine Lehre brach er noch vor der Gesellenprüfung ab. Um nach der Wende aber endlich für Nachwuchs im sächsischen Dachdeckerhandwerk zu sorgen, nahmen die Dachdecker-Innungen des Freistaats allen Mut, alle Energie und noch mehr Geld zusammen und investierten in ihre Zukunft: in das spätere Landesbildungszentrum der Dachdecker in Sachsen.

Eigenmittel, Bürgschaften und Fördermittel

20 Millionen Deutsche Mark an Eigeneinlagen und Bürgschaften war ihnen dieser Schritt wert. Hinzu kamen Fördermittel des Freistaats Sachsen und so kauften die Dachdecker in Sachsen ein 18 000 Quadratmeter großes Stück Brachland an den westlichen Ufern der Zwickauer Mulde im Erzgebirge. Das entspricht rund zweieinhalb Fußballfeldern. Die Abraumhalden des Bergbaus verschwanden auf diesem Areal und ein großer Gebäudekomplex wuchs aus dem Boden. Allein die Werkhallen umfassen fast 2600 Quadratmeter. Hinzu kommen annähernd 1000 Quadratmeter Sozialräume, über 900 Quadratmeter Verwaltungsräume, ein Freilager sowie eine Garage.

Bild von moderner Werkhalle des Dachdecker in Sachsen-Ausbildungszentrum
Beste Lernbedingungen finden die Azubis in der modernen Werkhalle. (Alle Fotos: LIV Dachdecker Sachsen)

Eröffnung des sächsischen Bildungszentrums 1992

Das Jahr 1992 wird in die Geschichte des Dachdeckerhandwerks in Sachsen eingehen als das Jahr, in dem die landesweite Aus- und Weiterbildung ihr Zuhause im heutigen Aue-Bad Schlema fand. Den Doppelnamen trägt die Gemeinde seit 2019 durch die Fusion der beiden Gemeinden Aue und Bad Schlema. Diesem Meilenstein folgte 1999 der nächste große Schritt nach ganz oben – also zum neuen Glückauf: Das Landesbildungszentrum des Sächsischen Dachdeckerhandwerks e. V. wurde aus der Taufe gehoben. Dieser als gemeinnützig anerkannte Verein setzt sich aus den inzwischen elf Dachdeckerinnungen Sachsens als Mitglieder zusammen und wird von Fördermitgliedern unterstützt. Die Dachdecker Aus- und Weiterbildung ist also nicht nur Ehrensache, sondern damit eigentlich Ehrenamtssache.

Neben den Ausbildern ist auch ein Koch im Team

Das Team des LBZ besteht aus sechs engagierten Ausbildern für alle Fachrichtungen und Arbeitsbereiche, Verwaltungskräften, Hausmeister sowie einem Koch plus Küchenhilfe, damit nicht nur der Wissensdurst, sondern auch der Hunger gestillt werden kann. An der Spitze der Führungsriege des LBZ steht Andreas Kunert als Vorsitzender. Mit im Vorstand sind der stellvertretende Landesinnungsmeister des Landesinnungsverbands Sachsen, Kay Wagner, sowie Denny Arndt, René Naujoks als Kassenwart, Anett Werzner und Paul Hobeck.

Eine Gruppe junger Menschen steht zusammen in einem Raum, einige schauen in die Kamera, im Hintergrund hängt ein Banner.
Freisprechungsfeier der Gesellen 2024: Die Ausbildung verbindet Tradition und Moderne.

7000 Azubis haben Gesellenprüfung erfolgreich absolviert

Der Schritt und Blick nach vorn hat sich für die Dachdecker in Sachsen gelohnt. Die stolze Bilanz kann sich sehen lassen und wird heute auf Sachsens Dachbaustellen gesehen: Seit der Gründung des Landesbildungszentrums (LBZ) haben rund 7000 Azubis hier die überbetriebliche Ausbildung in den drei Unterrichtsblöcken erfolgreich absolviert. Und das trotz aller Hürden, mit denen jedes Landesausbildungszentrum zu kämpfen hat, wie Thomas Münch, Geschäftsführer des LBZ und des Landesinnungsverbands des Dachdeckerhandwerks Sachsen, zugibt. Der größte Stolperstein ist die Blockbeschulung der Jugendlichen – oft weit entfernt vom Heimatort. Um diese Hürde zu nehmen, wurde eine sich als erfolgreich erweisende Kooperation mit dem Landkreis vereinbart, der das Wohnheim für den Dachdeckernachwuchs betreibt. Ein eigens eingesetzter Shuttle-Bus bringt die angehenden Dachdecker morgens zum LBZ und abends wieder zurück ins Wohnheim.

Bild von modernem Schulgebäude
Einblicke in die lichtdurchflutete Architektur des Verwaltungstraktes im Bildungszentrum.

Kennenlerntag vor dem Start der Ausbildung

Drei weitere Trümpfe hat Thomas Münch noch im Ärmel: Bei der Planung der Blockkurse wird versucht, die Teilnehmer möglichst regional zusammenzufassen. Das ermöglicht Fahrgemeinschaften und fördert den Zusammenhalt – man kennt sich eben. Trumpfkarte Nummer zwei wird seit August 2024 ausgespielt. Unmittelbar vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres lädt das LBZ den nächsten Dachdecker-Jahrgang mit Familien zu einem Tag der offenen Tür ein. Hier haben die Dachstarter und ihre Eltern, Geschwister, Freunde und Partner die Gelegenheit, das Wohnen und Ausbilden unter die Lupe zu nehmen und ihre späteren Ausbilder, Werkstätten und Unterrichtsräume bereits kennenzulernen.

Bild vom Kennlerntag im Ausbildungszentrum der Dachdecker in Sachsen
Der Kennenlerntag für angehende Azubis und ihre Eltern hat sich als Erfolgsmodell erwiesen.

Während in der Öffentlichkeitsarbeit so gerne von den Dachdeckern als „Klimaretter“ gesprochen wird, lassen die Dachdecker in Sachsen mit Trumpf Nummer drei Taten folgen. Den Auszubildenden und Betrieben wird ab dem Ausbildungsjahr 2025/2026 ein freiwilliger einwöchiger überbetrieblicher Zusatzkurs in Sachen PV-Solar/Gründach angeboten.

Gezielte Nachwuchswerbung in den Schulen

Auch die Dachdecker in Sachsen, wie jeder andere Landesinnungsverband, kämpfen mit dem Dauerproblem des Nachwuchsmangels. „Auch wenn wir uns aktuell über mehr als 400 Auszubildende in allen drei Jahrgängen freuen können: Wir decken damit gerade mal so den aktuellen Mindestbedarf unserer Betriebe“, gibt Münch zu. Jammern gehört aber nicht zu seinem Gewerk. Stattdessen stiegen die Dachdecker in Sachsen mit einer neuen Initiative vor wenigen Jahren erfolgreich in die Nachwuchsgewinnung ein. Sie nahmen Kontakt mit allen Oberstufen der Schulen in Sachsen auf und bestreiten dort regelmäßig Unterrichtseinheiten, in denen den Jugendlichen die Karriereleiter nach ganz oben vorgestellt wird. Und das nicht nur an Hauptschulen, sondern zunehmend an Realschulen und Gymnasien.

Bild von Kennlerntag im Bildungszentrum der Dachdecker in Sachsen
Die Eltern können live erleben, in welch professioneller Umgebung ihre Kinder zukünftig die überbetriebliche Ausbildung absolvieren werden und können direkt mit den Ausbildern ins Gespräch kommen.

Nachhilfebuch gegen fehlende Grundbildung

Nicht Sachsen-typisch, sondern ein bundesweites Problem ist auch die oft fehlende Grundbildung des Nachwuchses – gerade in der Mathematik. „Gelöst werden kann von uns auch nicht vollständig, was in vielen Schuljahren zuvor versäumt wurde“, so Thomas Münchs realistische Einschätzung. Doch neue Wege zu gehen, lohnt sich. Die Dachdecker in Sachsen bieten nicht nur eine Mathe-Nachhilfe im Wohnheim an. Jeder neue Azubi startet seine ÜBL in Sachsen mit einem eigens erstellten „Nachhilfebuch“.  Klappt dann alles, wird am Ende die Freisprechung hier gemeinsam mit allen erfolgreichen jungen Gesellinnen und Gesellen und ihren Familien zünftig gefeiert.

Meisterausbildung als weiterer Baustein

Danach steht die Tür zum Ausbildungszentrum weiter offen für die DachdeckerInnen. Auch die Meisterausbildung findet hier statt und verzeichnet zunehmendes Interesse. Inzwischen absolvieren hier bis zu 15 künftige MeisterInnen ihres Faches jedes Jahr die Schmiede des Dachdeckerhandwerks. Auch sie feiern ihren erfolgreichen Abschluss in Aue-Bad Schlema gemeinsam.

Vier Männer stehen draußen nebeneinander vor einem kleinen Gebäude, tragen legere Kleidung, und lächeln in die Kamera. Im Hintergrund sind Bäume ohne Blätter zu sehen.
Die Meisterausbildung, hier die Absolventen von 2025, ist ein wichtiger Baustein im Bildungszentrum.

Zwei Gewerke lernen voneinander

„Wir Handwerker müssen zusammenhalten“, wäre die traditionelle Formulierung eines alten Wunsches, den wohl jedes Gewerk hegt. Thomas Münch nennt es ganz zeitgemäß „Netzwerken“ und traut sich, mal ganz neue Wege zu gehen. So wurde im vergangenen Jahr „gemeinsame Sache“ mit dem Friseurhandwerk gemacht. Motto: „Wir alle arbeiten ganz oben“. Gekrönt wurde dieses Netzwerk mit einem Auszubildenden-Austausch mit Friseur-Azubis aus Frankreich. Dokumentiert wurde diese Aktion mit einem Bildkalender, in dem zwei Gewerke gegenseitig füreinander werben und auf sich aufmerksam machen.

Europaweiter Dachdeckeraustausch

Auch der Austausch mit dem europäischen Dachdeckernachwuchs wird gepflegt. So nahm die Dachdeckerinnung Dresden im Rahmen des „Erasmus“-Programms die Möglichkeit wahr, französische Dachdeckerazubis in Betriebe aktiv hineinschnuppern zu lassen. Vor ihrer Rückreise nach Frankreich hatten diese Azubis mit ihrem Ausbilder die Gelegenheit, sich im LBZ mit ihren deutschen KollegInnen zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und die Werkstätten zu besichtigen.

Eine Gruppe junger Männer posiert draußen vor einem Gebäude mit Schieferdach und bemalter Wand, einige hocken, andere stehen, sie schauen in die Kamera.
Auch französische Dachdeckerazubis waren bereits zu Besuch im Bildungszentrum Schlema.

„Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen“, erkannte der karthagische Feldherr Hannibal schon vor über 2000 Jahren. Irgendwie haben Sachsens Dachdecker sich diese Einstellung zu eigen gemacht. Glückauf ist hier keine Glückssache, sondern Strategie für die Zukunft.

Sie interessieren sich für das Thema Ausbildung? Dann lesen Sie unsere Story über die guten Ideen der Dachdecker in Baden-Württemberg zur Nachwuchsarbeit.