Schwarzes DACH LIVE Logo, wobei das A und der Schrägstrich im Wort rot hervorgehoben sind.
Acht Personen in schwarzen Jacken und Arbeitshosen stehen und posieren auf einem großen Dach mit historischen Backsteinbauten und Gerüsten im Hintergrund. Bei der Gruppe scheint es sich um Bauarbeiter oder Dachdecker zu handeln.

Dach-Baustellen

Zwei Oberlichtfenster mit geschlossenen Außenjalousien sind auf einem dunklen, mit Ziegeln gedeckten Schrägdach installiert, und im Hintergrund sind grüne Bäume zu sehen.

Produkte

Zwei Arbeiter in grünen Hemden und Handschuhen verlegen unter strahlend blauem Himmel orangefarbene Dachziegel auf einem Schrägdach, wobei einer dem anderen einen Ziegel reicht. In der Nähe sind Stapel von Ziegeln zu sehen.

Dachdeckerbetrieb

Ein Arbeiter mit rotem Schutzhelm und Klettergurt kniet auf einem Dach, hält ein Telefon in der Hand und überprüft die an einem Kabel befestigte Sicherheitsausrüstung.

Arbeitssicherheit

Eine lächelnde Person in einem weißen Hemd und grauen Handschuhen verlegt Dachziegel auf einem schrägen Dach, wobei im Hintergrund Sicherheitsnetze und Gebäude zu sehen sind.

Dachdecker werden

Zwei Männer stehen in einem Lagerhaus und schauen gemeinsam auf eine Tafel. Ein Mann trägt ein rotes Hemd und hält ein aufgerolltes Papier, der andere trägt ein schwarzes Hemd. Im Hintergrund sind große Regale mit Säcken oder Behältern zu sehen.

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Nahaufnahme eines alten Rohres mit Rost, im Hintergrund Landschaft mit Bäumen und Wasser, Vordergrund zeigt ein Werkzeug oder einen Behälter.

Spengler Hermann Loderer und Schloss Neuschwanstein

Knut Köstergarten

21. August 2025

Wer kennt es nicht, das berühmte Schloss Neuschwanstein in der bayerischen Gemeinde Schwangau. Seit diesem Sommer gehört es zum UNESCO-Welterbe. Das Baudenkmal verkörpert die künstlerische Vision König Ludwigs II. und spiegelt, erbaut von 1869 bis 1892 im Stil der Neuromanik, die kulturelle Vielfalt seiner Epoche wider. Mit über einer Million Besuchern zählte es 2024 zu meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Deutschlands.

Abenteuerliche Absicherung auf Dach und Türmen

Auf den Dächern von Schloss Neuschwanstein spielte sich die tragisch endende Geschichte des Spenglers Hermann Loderer ab, der von 1971 bis 1987 dort mit seinem Team arbeitete. Er erhielt bei der Ausschreibung für den ersten Teil der Dachrenovierung den Zuschlag, weil er als einziger die immens hohen Gerüstkosten durch völlig unkonventionelle Absicherungen auf dem Dach und den Türmen umging. Heute ist es kaum vorstellbar, welches Wagnis der passionierte Bergsteiger damit einging. Die selbst konstruierten Holzpodeste, an den Türmen auf abenteuerliche Weise mit Seilen gehalten, sind kleine Kunstwerke – allerdings keineswegs im Einklang mit heutiger Arbeitssicherheit.

Bild von Spengler Hermann und Xaver Loderer bei Arbeiten am Schloss Neuschwanstein
Das sind schon fast Trapezkünste, die Hermann Loderer (links) hier vollführt. Auf dem Gerüst sitzt sein Vater.

Im Spengler-Team mit Frau und Vater

Ab 1976 sind für weitere Renovierungsarbeiten am Dach von Schloss Neuschwanstein zehntausend Quadratmeter neu mit Kupferblech zu decken – ein kleines Lebenswerk. Ein Grund, warum damals der Bayerische Rundfunk für einen TV-Beitrag vorbei kam. Hermann Loderer arbeitete zumeist mit seiner Frau Christa und Vater Xaver, nur bei größeren Flächen engagierte er zusätzliche Helfer. Für weitere zehn Jahre gibt es noch Arbeit, allerdings nur von Frühjahr bis Herbst, bei schlechtem Wetter oder gar Schnee und Eis war es selbst Hermann Loderer zu gefährlich.

Sie interessieren sich für besondere Projekte von Spenglern? Dann lesen Sie unsere Story über die ungewöhnliche Kooperation von Jennifer Konsek und René Gößling.

Bild von Spengler Xaver und Christa Loderer bei Arbeiten am Schloss Neuschwanstein
Ehefrau Christa und Vater Xaver auf dem Südturm von Schloss Neuschwanstein. (Alle Fotos: Heimatzeitung Füssen)

Spenglerwerkstatt auf dem Dachboden des Schlosses

Eine eigene Spenglerwerkstatt richtete er sich auf dem riesigen Dachboden ein, direkt über dem Thronsaal des Schlosses Neuschwanstein gelegen. Dort arbeitete Hermann Loderer an den handwerklich besonders komplizierten Stücken. Und bei kleinen kniffeligen Sachen fertigt er sogar vorab Konstruktionszeichnungen an. Das Kupferblech schnitt er dort zu, bördelte es um, schob es zusammen und falzte es an. Am erneuerten Kupferdach in Neuschwanstein war nichts gelötet oder geschweißt. Das Team verband die Bleche durch einen Falz miteinander, damit das Material weiter arbeiten konnte.

Hermann Loderer stürzt ab

Dann kam der 17. November 1987,  geplant als letzter Arbeitstag des Jahres auf dem Schlossdach. Hermann Loderer reparierte noch die Dachrinne. Für das Folgende gibt es mehrere Theorien. Eine lautet: Als er schon fertig war, fiel ihm auf, dass er ein Werkzeug auf dem Dach vergessen hatte. Also stieg er nochmals aus dem Fenster, diesmal allerdings nicht angeseilt, weil er ja nur ganz kurz hinaus wollte. Aus unerfindlichen Gründen rutschte er aus, was sich keiner erklären konnte,  da er ein versierter, durchtrainierter Bergsteiger mit vielen gefährlichen Erstbegehungen war. Nach ihm ist postum auch der Hermann-Loderer-Gedenkweg an der Nordwand der Gehrenspitze benannt, der den hohen Schwierigkeitsgrad VII besitzt. Noch wenige Tage vor seinem Tod meinte er, „da falle ich eher vom Garagendach als vom Schloss”. Außerdem war er ein regelrechter Sicherheitsfanatiker, wie sein Bruder Reinhold erzählte.

Bild von Spengler Hermann Loderer bei Arbeiten am Schloss Neuschwanstein
Hermann Loderer beim Falzen von Abdeckungen aus Kupfer.

Ein Schatten fliegt vorbei

Hermann Loderer rutschte über die Dachrinne hinaus in die Tiefe. Schlossführer Hans Sittenauer beendete gerade unten in der Küche eine Führung, als er und alle Anwesenden einen Schatten am Fenster vorbeifliegen sahen. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging, hallte durch die Schlucht. Sittenauer erzählte: „Es sind gleich alle rausgerannt und haben Hermann Loderer hochgeholt“. Er war von oben auf der hinteren Mauerumrandung aufgeschlagen, die direkt zur Pöllatschlucht weist. Von dort war er abgeprallt und die Böschung hinunter in die Schlucht gefallen, so die Erinnerung von Hans Sittenauer. Er ist wohl sofort tot gewesen. Heute weist eine Erinnerungstafel auf dieses für alle so tragische Ereignis hin. Wenn man vom Küchenbalkon aus Richtung Kemenate vorgeht, kommt man an einem kleinen Brunnen vorbei, darüber hängt heute diese kleine Tafel.

Schlossverwalter hat eigene Absturztheorie

Der ehemalige Schlossverwalter Julius Desing, der ein guter Freund von Hermann Loderer war, hat seine eigene Theorie und rekonstruierte den Fall wie folgt. „Hermann Loderer wollte die Arbeiten für das Jahr 1987 abschließen und er hatte an seinem letzten Arbeitstag nur noch einige Schweißpunkte an den Dachrinnen zu setzen. Da beim Betreiben des elektrischen Schweißgerätes öfters die Sicherungen durchbrannten, kletterte er über die Dachluke oberhalb des Küchenbalkons in das Schloss zurück, um stärkere Sicherungen einzusetzen. Beim wieder Hinaufklettern, als er noch nicht durch Einhaken der Leine gesichert war, blieb er mit einem Fuß in den herumliegenden Kabeln hängen, verlor das Gleichgewicht und stürzte durch das offene Fenster hinaus auf die an dieser Stelle sehr steile Schräge des Kupferdaches.“

Zwei Personen arbeiten auf einem hölzernen Gerüst an einer großen Metallspitze, vermutlich an einem Turm, bei Tageslicht, mit Bäumen im Hintergrund.
Vater und Sohn Loderer arbeiten gemeinsam auf einer Turmspitze.

Eine Kabelrolle bietet keinen Halt

Da er die Kabelrolle in der Hand hatte, konnte er sich nirgends festhalten. „Ein paar Meter direkt unter des Dachfensters stand ein Kamin. Dort fiel an der einen Seite die Kabelrolle hinunter, während Hermann an der anderen Seite vorbeistürzte. Dabei versuchte er noch, sich am Kabel festzuhalten, um zumindest den Sturz zu verlangsamen, aber er fand an dem glatten Gummikabel keinen Halt. Beim Rutschen seiner Hände über das Kabel hat er den Stecker am Kabelende abgerissen”, so erzählt es Schlossverwalter Desing.

Bis zuletzt ums Leben gekämpft

Eine dritte Theorie zum tragischen Absturz, besagt, dass Hermann Loderer hinter dem Kamin eine kleine Holzleiter positioniert hatte, mittels derer er zur Dachrinne gelangen konnte. Gerade in dem Moment, als er herabsteigen wollte, brach eine der Sprossen, sodass er das Gleichgewicht verlor. Offensichtlich versuchte er noch, während des relativ langen Fallens durch entsprechendes Rudern mit den Armen, soweit wie möglich vom Schloss wegzukommen, um im Steilhang der Schlucht in den Büschen und Bäumen landen zu können. Das ist ihm allerdings nicht mehr gelungen. Ganz nah einer hohen Fichte, die seinen Sturz hätte abschwächen können, ist er auf dem Boden aufgeschlagen und war sofort tot. Den Klettergurt hatte er noch an, erzählte sein Bruder Reinhold Loderer, und auch die Seile waren gespannt, es hat ihm bei diesem Sturz nicht mehr geholfen.

Bild von Todesanzeige von Hermann Loderer
Zu seinem Andenken wurde ein schwieriger Wanderweg als Hermann-Loderer-Gedenkweg benannt.

Seine tiefste Sehnsucht

Trotz dieser Theorien bleibt sein Tod bis heute ein Geheimnis, ähnlich wie der Tod von König Ludwig, mit dem er dadurch wohl auf ewig verbunden sein wird. Zu Hermann Loderer wusste Julius Desing noch eine Anekdote. Nur wenige Tage vor seinem Tod habe er einem seiner Arbeitskollegen erzählt: „Ich will nicht in einem normalen Grab beerdigt werden.” Am liebsten sei ihm, wenn er als passionierter Bergsteiger in seinen geliebten Bergen bleiben könne, oder aber in Neuschwanstein. Er meinte, er würde liebend gerne am Schloss abstürzen, wenn er die Wahl hätte für sein Lebensende. Der Spengler Hermann Loderer wollte nicht im Bett sterben, das hätte auch nicht zu ihm gepasst.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einem Text von Monika Philipp, erschienen im Juni 2019 in der Füssener Heimatzeitung.

Knut Köstergarten

Schreibt seit 20 Jahren für das Printmagazin „das dach“ und leitet dort und bei Dach\Live heute die Redaktion. Der ausgebildete Journalist hat sich in vielen Themenfeldern ausgetobt und sich inzwischen auf Dachhandwerk spezialisiert. Seine Leidenschaft sind Interviews, denn ihn interessiert die persönliche Sicht auf die Dinge, gerade auch von Unternehmern.

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