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Globale Lieferengpässe bei Dämmstoffen

2018.06.19 Knut Koestergarten • Lesezeit 4’

Ob Polyurethan oder Styropor, Dämmstoffe waren vor rund einem Jahr für Dachdecker Mangelware. Die Einkaufspreise stiegen rasant, auf Baustellen konnte nicht gearbeitet werden. Lieferanten verwiesen auf höhere Gewalt. Erfahren Sie hier, wo die Ursachen für diese Krise liegen.

Handwerk und Globalisierung, das war bislang ein eher entspanntes Verhältnis. Klar, manchmal schwanken die Einkaufspreise für Metalle. Doch Konkurrenz auf dem Dach mit schlecht bezahlten Arbeiterkolonnen aus China, Indien oder Bangladesch ist kaum vorstellbar. Im letzten Frühjahr allerdings drehte sich der Wind für einige Monate und die Dachdecker bekamen die Abhängigkeit von globalen Lieferketten so richtig im eigenen Betrieb zu spüren.

Globale Lieferengpässe bei Dämmstoffen erreichen das Dach

Die Bedachungshändler konnten die hohe Nachfrage in Sachen Dämmstoffe nicht mehr bedienen. Lieferanten wie Bauder oder IsoBouw beriefen sich ebenso auf höhere Gewalt wie deren Lieferanten aus der Rohstoffindustrie. „Wir standen da zwischen allen Stühlen“, berichtet Stefan Klusmann, Vorstand der Dachdecker-Einkauf Ost. Auf der einen Seite aufgebrachte Kunden, auf der anderen Seite ansonsten zuverlässige Lieferanten, die produzieren wollten, aber kaum noch konnten.

„Komplette Bauten haben sich verzögert. Wir haben nur noch Beschaffungswirtschaft gemacht: Wer hat was und für welchen Preis. Das Ausmaß war in diesem Jahr so groß wie noch nie“, sagt Klusmann. Doch wie konnte es eigentlich zu dieser Krise kommen?#

Bauverzögerung durch verzögerte internationale Lieferungen

Produktionsprobleme beim Dämmstoff-Vorprodukt MDI

Für Dämmstoffe aus Polyurethan (PUR) benötigen Hersteller das Vorprodukt MDI. Dieses wird in wenigen großtechnischen Anlagen in Europa, Nordamerika und Asien produziert. Zu den Lieferanten gehören weltweit die Unternehmen BASF Polyurethane, BorsodChem/Wanhua, Covestro, DOW und Huntsman. „Normal sei, dass diese Anlagen regelmäßigen Revisionen unterliegen, bei denen es auch zu Produktionsstillständen kommen kann, diese seien jedoch fest eingeplant“, erläutert Pressesprecherin Petra Steimle vom Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU). „Nach unseren Informationen haben diese Wartungszyklen bisher zu keinen Lieferschwierigkeiten geführt. Was zu den Engpässen geführt hat, waren unerwartete technische Störungen.“

So erklärte Covestro, Hauptsitz Leverkusen, Force majeure, also höhere Gewalt. Grund sei der unvorhergesehene Ausfall der Anlage in Brunsbüttel, wie der Branchen-Ticker des Internetportals KunststoffWeb im Mai 2017 vermeldete. Dort wurde zudem im Juni 2017 berichtet, dass auch BASF Force majeure erklärt habe.

Der Grund sei das Hochwasser beim Lieferanten Kinder Morgan (Houston, Texas/USA) in St. Gabriel, Louisiana. Der Wasserstand im Mississippi erreichte eine Höhe von 8,80 Meter, woraufhin das Warenterminal aus Sicherheitsgründen geschlossen wurde. In der Folge sei ein Rohstoffmangel in der MDI-Erzeugung von BASF entstanden, der auch Auswirkungen auf die Folgeeinheiten hatte.

Globale Lieferengpässe bei Dämmstoffen erreichen das Dach

Haftungssauschluss bei extremen unerwarteten Ereignissen

Eine Force majeure-Klausel wird in vielen Verträgen zum vorbeugenden Haftungsausschluss im Falle extremer unerwarteter Ereignisse integriert, um Streitigkeiten oder Auslegungsrisiken über etwaige Haftungsfragen zu vermeiden. Diese Klausel räumt einer oder allen Vertragsparteien im Fall höherer Gewalt das Recht ein, von dem ansonsten bindenden Vertrag zurückzutreten.

Bei PUR-Dämmstoffen gab also einen Domino-Effekt. Entlang der Lieferkette beriefen sich alle Beteiligten auf den Eintritt extremer unerwarteter Ereignisse. Das sind die Effekte von Globalisierung. Hochwasser im Mississippi und technische Störungen sorgen für Knappheit beim Dämmungsvorprodukt MDI und bringen die gesamte Produktion bis hin zum Endprodukt ins Stocken.

Auch Dämmstoff-Produzent Bauder kalt erwischt

Einen Hersteller von PUR-Dämmstoffen wie Bauder hat die Verknappung des Vorprodukts MDI kalt erwischt. „Das war für uns völlig überraschend“, erklärt Gerhard Einsele, Leiter Marketing und Vertrieb. Was noch verschärfend hinzu kam, war die stark wachsende Nachfrage. „PUR für Flachdach hat bei uns seit mehreren Jahren zweistellige Wachstumsraten“, berichtet Einsele. Er und sein Team hatten von Mai bis September 2017 keinerlei Planungssicherheit.

„Unser Einkauf hat mir immer nur gesagt: Wir wissen nichts“, erinnert sich Einsele. Er habe dann geschaut, was möglich sei, um für den Bedachungshandel und die Endkunden berechenbar zu bleiben und Zusagen halten zu können. „In guter Abstimmung mit den Einkaufsgenossenschaften haben wir versucht, wenigstens die laufenden Baustellen zu beliefern. Ich kann nur allen Beteiligten danken für den konstruktiven Umgang.“

Und wenn schon das Vorprodukt MDI fehlt, dann läuft auch die Logistik gegen die Wand. „Tankzüge kamen nicht in den Werken an, weil die Bahn Infrastrukturprobleme im Rhein-Main-Tal hatte“, berichtet Einsele. Doch er sagt: „Stand heute haben wir wieder eine gute MDI-Versorgung und fertigen planmäßig. Und auch für unser neues Werk in Herten, dass nächstes Jahr die Produktion aufnimmt, haben wir den zusätzlichen Bedarf bei den Rohstoffherstellern angemeldet.“

Bleibt die Dämmstoffindustrie, und damit letztlich der Dachdecker, aber tatsächlich ein interessanter Kunde für die MDI-Lieferanten? „Ein sehr großer Teil der MDI-Produktion wird zur Herstellung von PU-Dämmplatten verwendet. Daran wird sich angesichts der weltweit wachsenden Nachfrage nach Hochleistungsdämmstoffen auch in Zukunft nichts ändern“, erklärt Verbandssprecherin Steimle. Die Attraktivität von PUR-Dämmstoffen für die Gebäudedämmung wachse somit eher noch und die Dämmstoffherstellung bleibe ein lukrativer Markt für die MDI-Produzenten.

Lieferengpässe auch bei Styropor-Dämmstoffen

Von der Lieferknappheit waren aber nicht allein PUR-Dämmstoffe, sondern auch solche aus Styropor betroffen. Auch hier verursachten Herstellungsprobleme in den USA bei einem wichtigen Vorprodukt die Krise: Styrol. „Das führte zwischen Oktober 2016 und März 2017 zu Preissteigerungen im Einkauf von rund 45 Prozent“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung von IsoBouw, Christoph Nielacny. „So eine Entwicklung hatten wir seit zehn Jahren nicht.“ Die Verknappung von Styrol führte dazu, dass dieses Vorprodukt in die Märkte ging, wo die höchsten Preise bezahlt wurden. Das war in diesem Fall Nordamerika.

Die Folge in Europa: Betriebe bunkerten Material in ihrem Lager und die Lieferzeiten verlängerten sich. Seit Mai 2017 sei jedoch laut Nielacny wieder Normalität eingekehrt. „Generell ist der Markt für Styropor-Dämmstoffe eher stabil, wobei der Flachdachmarkt sehr gut läuft.“ Natürlich habe man auch die MDI-Knappheit gespürt anhand von mehr Nachfrage. Die Betriebe seien auf der Suche nach Alternativen gewesen.

„Auch Steinwolle war am Anfang der Krise eine Alternative, aber später lagen dort die Lieferzeiten bei drei Monaten.“ Stefan Klusmann und seine Kollegen von den anderen Einkaufsgenossenschaften sind auf jeden Fall erleichtert, dass sie ihre Kunden wieder normal beliefern können. Sein Fazit: „Wir waren die Deppen am Fliegenfänger der Weltwirtschaft.“

Sie möchten mehr erfahren über die globalen Ursachen für Lieferengpässe. Unser Redakteur Knut Köstergarten analysiert in seinem Kommentar, auf was sich die Dachdecker und Zimmerer zukünftig einstellen sollten.

 

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