KI auf dem Dach: Wie Oliver Oettgen Zukunft lebt
4. September 2025
Viele Kollegen kennen Oliver Oettgen, denn er hält Vorträge und zeigt sich gerne online. Und weil er etwas zu sagen hat, folgen ihm viele Dachdecker – vom Azubi bis zum Betriebsinhaber – in den sozialen Medien. Dabei spricht er gerne Themen an, die polarisieren, die neu sind und die von Veränderung erzählen oder sie bewirken. Im eigenen Betrieb setzt er inzwischen auch auf Künstliche Intelligenz (KI). Wir stellen mit Angebot und Kalkulation sowie Baustellenverwaltung zwei Einsatzbereiche für KI in seinem Betrieb Over-Dach vor.
Beim Thema KI leuchten seine Augen
Spricht Oliver Oettgen über KI, leuchten seine Augen – nicht, weil er den Handwerkerberuf in eine Science-Fiction-Welt verlegen möchte, sondern weil er darin ein handfestes Werkzeug sieht. Eines, das im Dachdeckerhandwerk längst nicht überall angekommen ist. „Wer sich nicht damit auseinandersetzt, wird verlieren“, sagt der Dachdeckermeister aus Kerpen bei Köln. Es ist kein leeres Drohwort, sondern Resümee nach über zehn Jahren konsequenter Digitalisierung in seinem Familienbetrieb Over-Dach, der auf eine stolze Tradition seit 1854 zurückblickt – und trotzdem moderner arbeitet als mancher Start-up-Betrieb.

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Konsequente Digitalisierung
Schon vor einem Jahrzehnt begann Oliver Oettgen, Prozesse zu verschlanken und digital zu denken. Dokumentenmanagementsystem, digitale Zeiterfassung, KI-gestützte Baustellendokumentation – Baustein für Baustein entstand eine Infrastruktur, die heute die Basis für ehrgeizige Automatisierungsprojekte ist. Das Herzstück: die KI-gestützte Angebots- und Kalkulationsstrecke.

Erstes Beispiel: KI für Angebote und Kalkulation
Maßgeblich unterstützt wird er dabei von Volker Blees, dem kaufmännischen Leiter und Prokuristen, der sich augenzwinkernd als „KI-Mitarbeiter“ bezeichnet. „Wir schreiben 100 Angebote und bekommen vielleicht zehn Aufträge“, erklärt Volker Blees. „Das bedeutet 90 Kalkulationen ohne Ertrag. Genau da setzen wir mit KI an.“ Die Vision: Ausschreibungen automatisch auswerten – egal ob Text, Plan oder Bild –, Leistungspositionen erkennen, mit bisherigen Kalkulationen abgleichen und eine Vorkalkulation ins ERP-System schreiben lassen. Der Mensch bleibt im Loop, kontrolliert und passt an, aber Ziel ist eine 80/20-Abdeckung: 80 Prozent der Arbeit macht die KI, 20 Prozent der Mensch.
Zweites Beispiel: KI auf der Baustelle
Die Digitalisierung endet bei Over-Dach nicht im Büro. Auf den Baustellen diktieren Mitarbeiter ihre Tagesberichte ins Smartphone. Und was macht die KI: Sie transkribiert, erkennt den Kontext, etwa Leistungsnachweise oder eine Mängelmeldung, sie füllt Formulare aus und übersetzt bei Bedarf mehrsprachig. Das erleichtert nicht nur den Arbeitsalltag, sondern auch die Integration von Mitarbeitern, die noch nicht so gut Deutsch sprechen. Diese können dann die Tagesberichte in ihrer Muttersprache aufnehmen.

Die Zukunft: KI erkennt Mängel am Dach via Bodycam
Und was kommt in Zukunft noch? Live-Qualitätskontrolle per Mini-Bodycam, welche die Mitarbeiter am Körper tragen. Die mit entsprechenden Daten gefütterte KI erkennt potenzielle Mängel in Echtzeit. „Natürlich muss man das mit Kunden und Mitarbeitern abstimmen, aber die technischen Möglichkeiten sind da“, erläutert Volker Blees, der viele solcher digitalen Projekte im Betrieb mit vorantreibt.
Azubis lernen auch virtuell mit VR-Brillen
Auch in der Ausbildung erproben Oliver Oettgen und sein Team neue Wege in der Digitalisierung. Sie setzen auf virtuelles Lernen mit Hilfe von VR-Brillen. So können die Azubis über die Anweisungen im Display bestimmte Arbeiten Schritt für Schritt lernen und üben – zusätzlich zum Arbeiten auf den Baustellen. Solche Lernmethoden können sich bei dem heutigen Nachwuchs als Alleinstellungsmerkmal erweisen im Wettbewerb um Fachkräfte.

Skalierbarkeit für alle Betriebsgrößen
Oliver Oettgen weiß: Nicht jeder Dachdeckerbetrieb beschäftigt 50 Mitarbeitende oder hat eine eigene Digitalisierungsabteilung. „Es muss bei der Geschäftsleitung anfangen – egal ob Drei-Mann-Betrieb oder 50 Leute“, betont er. Gerade kleine Betriebe könnten schon mit einfachen Anwendungen starten – etwa mit ChatGPT für E-Mail-Entwürfe oder Terminorganisation. Die Einstiegshürde hält Oliver Oettgen für niedrig: „20 Euro im Monat, drei Monate testen – und man hat ein Gefühl dafür, was möglich ist.“

Und wo interne IT-Kenntnisse fehlen, empfiehlt Volker Blees Kooperationen: „Fünf, sechs Betriebe stellen gemeinsam jemanden ein, der die Lösungen entwickelt. So lassen sich Kosten teilen – und alle profitieren.“
Kulturwandel gefragt bei den Dachdeckern
Doch Technik allein reicht nicht. „Die technische Seite ist das eine – der menschliche Faktor das andere“, sagt Oliver Oettgen. Viele Kollegen hätten sich mit Software schon die Finger verbrannt – diese Skepsis sei spürbar. Sein Rezept: „klein anfangen, sofort spürbare Mehrwerte schaffen, Erfolgserlebnisse ermöglichen und Neugier wecken.“ Und er ergänzt: „Wir müssen als Chefs von innen heraus strahlen. Wenn wir selbst nicht überzeugt sind, können wir niemanden draußen auf der Baustelle begeistern.“

Mehr als Eigeninteresse
Natürlich profitiert Over-Dach selbst von seiner Vorreiterrolle. Doch für Oliver Oettgen und Volker Blees geht es um mehr: „Wir wollen nicht nur unsere Firma zukunftsfähig machen, sondern das Handwerk als Ganzes.“ Gemeinsam denken sie über den eigenen Betrieb hinaus – bis hin zur Entwicklung von Lösungen, die auch andere Betriebe einsetzen können.
KI als gelebte betriebliche Praxis
Oliver Oettgen zeigt, dass KI im Dachdeckerhandwerk keine ferne Zukunftsmusik ist, sondern längst gelebte Praxis – vom Angebotsprozess bis zur Baustelle. Der Schlüssel: strategisch denken, mutig starten und die Menschen mitnehmen. Wer das beherzigt, senkt nicht nur die Kosten und steigert die Effizienz, sondern erfindet auch ein Stück Handwerkskultur neu. Oder, wie Oliver Oettgen es auf den Punkt bringt: „Es geht nicht anders.“
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