Vom Ingenieur zum Dachdecker: Abbas Bir
31. März 2026
Als Abbas Bir vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, hätte er seinen Bachelor als Bauingenieur anerkennen lassen können. Hat er aber nicht. „Ehrlich gesagt habe ich mich gar nicht darum gekümmert“, sagt er heute mit einem ruhigen Lächeln. „Ich bin zwei Tage nach meiner Ankunft direkt in die Ausbildung zum Dachdecker gestartet – und habe nie zurückgeschaut.“
Ein Neuanfang über den Dächern von Kiel
Abbas Bir, heute 27 Jahre alt, hatte in der Türkei auf Englisch studiert, an einer Technischen Universität. Doch statt in einem Ingenieurbüro landete er auf dem Dach. Und er blieb dort auch. „In der Türkei ist alles aus Beton. Hier in Deutschland hat jedes Dach eine Geschichte“, sagt er. „Man arbeitet mit alten Materialien, im Denkmalschutz, mit Tradition. Das hat mich schnell gepackt.“ Sein Einstieg ins Handwerk begann bei der Dachdeckerei Howe GmbH in Kiel, vermittelt durch seinen Schwager, der dort seit über 15 Jahren arbeitet.
„Ich war mein ganzes Leben lang Schüler, habe nie eine Glühbirne gewechselt“, erzählt Bir. „Und plötzlich stand ich auf dem Dach.“ Die ersten Monate waren hart, körperlich wie mental. „Aber je länger ich durchhielt, desto mehr merkte ich, dass ich lerne, ohne es zu merken.“ Heute kann er über die Anfangszeit lachen und spricht mit spürbarem Stolz über die Verantwortung, die er inzwischen trägt: „Wenn man nach der Ausbildung das erste Mal allein auf die Baustelle geschickt wird, weiß man, dass sich die Mühe gelohnt hat.“

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Lernen als Lebensprinzip
Abbas Bir ist ein Mensch, der das Lernen liebt – nicht das abstrakte, theoretische, sondern das, was aus Erfahrung entsteht. „Ich glaube, ich werde in diesem Handwerk nie aufhören zu lernen“, sagt er. „Und das ist sogar das Schöne daran.“ Sein mathematisches Vorwissen aus dem Studium half ihm, die Ausbildung zu verkürzen. „Aber Wissen allein reicht nicht“, sagt er. „Man muss spüren, was man tut.“
Für ihn ist das Dachdeckerhandwerk ein Beruf mit Charakter: „Man lernt Respekt vor der Höhe. Ich hatte nie Angst, aber ich habe gelernt, vorsichtig zu sein. Das Handwerk lehrt Demut.“ Wenn Abbas Bir dann mit Respekt über den Dächern Kiels steht, sieht er manchmal Straßen und Häuser, in denen er schon zu Besuch war. „Früher bin ich unten vorbeigelaufen, jetzt stehe ich oben drauf. Das ist ein merkwürdiges, aber schönes Gefühl.“
Integration durch Arbeit – und durch Haltung
Seine Geschichte ist eine sehr selbstverständliche Form der Integration ohne politische Programme, sondern durch den Alltag. „Im Handwerk ist man ständig im Gespräch mit Gesellen, mit Meistern, mit Kunden“, sagt Abbas Bir. „Da spielt Herkunft keine Rolle. Aber es hängt auch von der Person ab. Wer motiviert ist, lernt, egal woher er kommt.“ Er spricht das in nahezu akzentfreiem Hochdeutsch und lacht, wenn man ihn darauf anspricht. „Ich habe wohl Glück gehabt. Mein Schwager ist hier geboren, wir sprechen zu Hause Deutsch. Und ich war schon seit 2008 jeden Sommer hier. Das hat sicher geholfen.“ Sein Beispiel zeigt, wie Integration wirklich funktioniert: durch Interesse, Respekt und gemeinsame Arbeit.
Karriere mit Aussicht
Trotz seines jungen Alters denkt Abbas Bir bereits an die Zukunft, definitiv mit Bodenhaftung. „Den Meister will ich auf jeden Fall machen“, sagt er. „Aber erst, wenn ich genug Erfahrung gesammelt habe. Man muss ein paar Dächer gesehen haben, bevor man über Dächer reden kann.“ Bis dahin arbeitet er mit Leidenschaft bei der Firma Howe an Steil- und Flachdächern, führt Klempnerarbeiten aus und ist Velux-geschulter Monteur. „Wir machen Sanierungen, arbeiten für Stadtwerke, Schulen, Privatkunden. Jedes Dach ist anders, und das liebe ich.“ Langweilig wird es ihm nicht. „Ich mag keine Wiederholungen. Nicht nur jedes Dach, auch jeder Tag bringt Neues. Das ist wie eine kleine Reise, und Reisen ist mein Hobby.“

Das Handwerk als Lebensschule
Für Abbas Bir ist das Handwerk mehr als ein Beruf. Es ist eine Schule des Lebens. „Man sieht, was man geschaffen hat“, sagt er. „Wenn ich an einem Haus vorbeigehe, das ich mitgedeckt habe und den Kindern meiner Schwester sagen kann: ‚schaut, das haben wir gemacht‘, dann ist das ist ein sehr schönes Gefühl.“
Er weiß auch, dass das Dachdeckerhandwerk anstrengend ist. „Manche schaffen es bis kurz vor die Rente und sind topfit, andere müssen früher aufhören“, sagt er. „Aber die Arbeit hält einen in Bewegung. Ein Fitnessstudio brauche ich jedenfalls nicht. Noch nicht“, ergänzt er wieder schmunzelnd.
Eine Botschaft an die nächste Generation
Was seine Wünsche für die Zukunft sind? „Dass sich mehr Menschen für das Handwerk interessieren“, sagt er ohne zu zögern. „Es ist schade, dass so viele denken, man müsse studieren, um erfolgreich zu sein. Das Handwerk stirbt nicht, es wandelt sich. Aber es braucht Menschen, die es weitertragen.“
Ob er später einmal selbst Kinder hat oder Lehrlinge ausbildet, er weiß schon, was er ihnen raten würde: „Probiert es aus. Macht ein Praktikum. Seht, was ihr mit euren Händen schaffen könnt. Das Handwerk gibt euch etwas, was kein Bürojob kann: das Gefühl, etwas Echtes zu hinterlassen.“
Abbas Bir ist kein typischer Dachdecker und gerade das macht ihn zu einem Vorbild. Seine Geschichte zeigt, dass Integration gelingt, wenn Menschen ihren Platz finden. Sie zeigt auch, dass Handwerk und Bildung keine Gegensätze sind, sondern zwei Wege zur gleichen Erkenntnis führen: Wer mit Kopf und Hand arbeitet, baut nicht nur Dächer, er baut an seiner Zukunft.