Projekt Sanierungssprint: Den „Bau-Turbo“ wirklich zünden
21. Oktober 2025
Die Halbjahresbilanz für das Bauhauptgewerbe fällt positiver aus als erwartet. Im ersten Halbjahr 2025 wurden 21 300 Einfamilienhäuser neu genehmigt. Das entspricht einem Anstieg von 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diesem positiven Signal für Dachdecker und Zimmerer steht entgegen, dass die Sanierungsquote im Gebäudebestand weiterhin auf niedrigem Niveau knapp unter 0,7 Prozent stagniert. Eine vielversprechende Initiative, die daran etwas ändern will, ist das Projekt Sanierungssprint.

Energetische Komplettsanierung in nur vier Wochen
Schneller sanieren im Sinne des „Bau-Turbos“ der Bundesregierung – das geht auch bei Einfamilienhäusern! Dabei lautet das Zauberwort: Sanierungssprint. Ein Konzept, das bereits in mehreren Bundesländern gefördert wird, etwa in Baden-Württemberg oder in Nordrhein-Westfalen von der dortigen Landesgesellschaft NRW.Energy4Climate. Jüngst konnte auf diese Weise ein Einfamilienhaus in Köln-Dellbrück in nur 28 Tagen komplett energetisch saniert werden. Nach diesem erfolgreichen Pilotprojekt wird das Konzept nun in ganz Nordrhein-Westfalen erprobt.

Auch Dachaufstockung ist ein Bereich, in dem viel Sanierungspotenzial steckt. Wir stellen ein spannendes Projekt vor!
Stundengenauer Bauzeitenplan als Basis
Das Geheimnis des Sanierungssprints ist ein stundengenauer Bauzeitenplan, der bislang bei Einfamilienhäusern selten zur Anwendung kommt. Selbst im gewerblichen Bereich ist er unüblich, dort wird eher auf tages- oder halbtagesgenaue Bauzeitenpläne gesetzt. Die Verantwortung dafür, dass auf der Baustelle alles nach Plan läuft, liegt beim Sanierungscoach, der alle Gewerke koordiniert.

Beim Kölner Projekt hatte das Ingenieurbüro für Planung und Energieberatung Indicamus die Fäden in der Hand. „Normalerweise macht bei Einfamilienhäusern jedes Gewerk sein Ding nach dem Motto: ‚Nach mir die Sintflut.‘ Wir haben bereits vor dem Projekt alle Beteiligten auf der Baustelle versammelt. Es geht darum, ein Team, eine Gemeinschaft zu bilden, teilweise gab es täglich kurze Treffen“, berichtet Lennart Feldmann, Geschäftsführer von Indicamus.
Sanierungscoach als Kommunikator
Der Hauptjob des Sanierungscoaches liegt also im Bereich der Kommunikation, damit trotz möglicher Herausforderungen und Änderungen der stundengenaue Bauzeitenplan am Ende eingehalten wird. Als Dachdecker war Niclas Wunert aus Wermelskirchen beteiligt. „Als der fertig war, sind direkt im Anschluss die Monteure für die Solaranlage aufs Dach gestiegen, ohne Verzögerung“, gibt Feldmann ein Bespiel für ein gelungenes Zusammenspiel.

Es braucht mehr mutige Projekte wie Sanierungssprint
Das Fazit von Feldmann: „Wenn energetische Sanierungen in Deutschland Tempo aufnehmen sollen, braucht es mehr solch mutiger Projekte. Wir ziehen mit unseren Partnern eine durchweg positive Bilanz. Natürlich haben wir auch wertvolle Erfahrungen gesammelt: Trotz detailliertem Bauzeitenplan zeigte sich, dass es zu kleineren Verzögerungen kommen kann, oder beispielsweise der Dachdecker schneller fertig war als gedacht. Weil wir als Team gut zusammengearbeitet haben, konnten wir solche Änderungen ausgleichen.“

Erste Baustelle nur der Auftakt
Die ersten Erfahrungen fließen bereits in das nächste Projekt der Kölner ein: Den Handwerkern im Team winkt beim nächsten Sanierungssprint ein Bonus, wenn sie schneller arbeiten als im Bauzeitenplan vorgesehen. Die Teilnahme an solchen Projekten bietet etwa dem Dachdecker die Möglichkeit, noch besser planen zu können. Er hat einen festen Start- und Endtermin und kann womöglich auf diese Weise mit seinen Mitarbeitern sogar mehr Projekte im Jahr abwickeln. Und für das Gewerke-Team von Köln-Dellbrück könnte ein Geschäftsmodell entstehen. „Da stehen 15 weitere zu sanierende Reihenhäuser. Wir kennen uns jetzt, sind eingespielt und wenn der nächste Eigentümer will, starten wir den nächsten Sanierungssprint“, erläutert Feldmann.

Vorteile auch für Bauherren
Auch für den Bauherren bietet das Konzept Vorteile. „Der neue Eigentümer wollte vor allem keine lange Doppelbelastung durch Miete und Hauskredit. Da hilft so ein Sanierungssprint mit gerade einmal 28 Tagen – und auch die Gerüstkosten sind geringer. Das stand nur einen Monat, sonst ist das oft viel länger“, weiß Feldmann. Zudem ist sein Honorar als Energieberater und Sanierungscoach förderfähig und deutlich geringer als das eines Architekten, der die Dienstleistung nach einer festgelegten Honorarordnung als Bauleitung abrechnet.

Vorreiter im Sanierungssprint: Roland Meyer
Ein Vorreiter ist der Leipziger Bauingenieur Roland Meyer. Er hat bereits mehrere Ein- und Zweifamilienhäuser durch den Sanierungssprint geführt, mit wissenschaftlicher Begleitung, etwa eine energetische Sanierung in Markkleeberg. Forschende der Universität Stuttgart attestieren dem Sanierungssprint laut TV-Sender MDR, mittelfristig rund 30 Prozent an Kosten einsparen zu können – wenn aus einzelnen Projekten Sprints in Serie werden und dadurch beispielsweise Lieferketten optimiert werden.
Auch Meyer denkt laut MDR schon weiter und will den Sprint auf Quartiere übertragen: jeweils nach dem individuellen Bedarf der einzelnen Häuser, aber mit der Expertise vor Ort. „So könnte man einen ganzen Straßenzug oder ein Wohnviertel vielleicht innerhalb von einem halben Jahr so sanieren, dass die Energiekosten runtergehen und alles auf dem aktuellen Stand ist.“
Artikel jetzt teilen!
Bau-TurboBauzeitenplanDachdeckerEnergetische KomplettsanierungIndicamusSanierungscoachSanierungssprint