Dachdecker Reinhard: Familienbetrieb mit zündenden Ideen
18. Dezember 2025
Ob ein erster Auftrag in Köln, die sofortige Weiterbildung für Asbestentsorgung oder eine sehr hochwertige Schwenkbiegemaschine – im Betrieb Reinhard haben sie einen Riecher für gute geschäftliche Entscheidungen.
Bis zum Ende der 1980er Jahre war die 1888 gegründete H. Reinhard Bedachungs GmbH, Mitglied der DEG Alles für das Dach eG, ein ganz normaler Dachdeckerbetrieb mit Sitz im ländlichen Oberhonnefeld im Westerwald. Horst Reinhard führte ein Team mit vier Mitarbeitern, darunter Sohn Udo, der 1987 die Meisterschule am BBZ Mayen absolviert hatte. „Jeder im Ort und in der Umgebung kannte meinen Vater. Er war in den Vereinen. Manchmal wurden wir auf der Straße angehalten. Da fragten ihn die Leute, ob er nicht mal dies und das auf dem Dach machen könnte“, erinnert sich Udo Reinhard.

Ebenfalls am BBZ Mayen war Jan Thullesen, ein Jungdachdecker mit bereits drei Meistertiteln!
Ein Kölner Auftrag als Chance
Das Tätigkeitsfeld räumlich auszuweiten, diese Idee kam Horst Reinhard gar nicht in den Sinn. Warum auch, der Betrieb hatte ja genug zu tun. Es war Sohn Udo, der die Chance erkannte, als eine Anfrage eines Bauunternehmens aus der Region für die Dacheindeckung eines Neubaus im knapp 70 Kilometer entfernten Köln hereinkam. Er setzte sich gegen den Vater durch – das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte und zugleich eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Nach und nach Kontakte aufgebaut
Denn als Udo Reinhard 1991 den Betrieb vom Vater übernahm, musste er feststellen, dass der erwirtschaftete Gewinn zu gering ausfiel. Obwohl sein Vater extrem viel gearbeitet hatte, blieb am Ende wenig hängen. „In Köln gab es damals ein anderes Preisgefüge“, erläutert Udo Reinhard. Nach und nach baute er Kontakte zu weiteren Bauunternehmen und Architekten auf, auch zu großen Kölner Wohnungsbaugesellschaften, die bis heute wichtige Kunden sind.

Köln ist ein lukrativer Sanierungsmarkt
Ein lukrativer Markt, der dem Betrieb mittelfristig eine gute Perspektive bietet. „Es stehen bei vielen Gebäuden aus den 50/60er Jahren energetische Sanierungen an“, erläutert Jannik Reinhard, der den Betrieb 2026 in fünfter Generation übernehmen wird. Mit den Großaufträgen in Köln wuchs das Team über die Jahre auf 18 Mitarbeiter an, die alle im ländlichen Umkreis leben und verwurzelt sind.
Ein besonderer Betrieb ist auch die Haller Gruppe, die Dachtechnik und Stahlbau verbindet!
Viele Aufträge für gewerbliche Großkunden
Längst überwiegen die Aufträge für gewerbliche Kunden, auch wenn der Betrieb weiterhin Projekte für Privatkunden übernimmt. Das Team realisiert Flach- und Steildächer für neu entstehende Wohnanlagen – das sind dann gern einmal 4000 Quadratmeter Fläche. Und die Mitarbeiter sanieren energetisch, Mehrfamilien- und Einfamilienhäuser. Dabei bietet Reinhard den Kunden alles, was es braucht, aus einer Hand. In Kombination mit einer Dachsanierung gehören neben der Fassade auch PV-Anlagen und Gründächer zum Portfolio. „Wir haben zuletzt etwa ein großes Retentionsdach verlegt, in dem das Wasser nicht nur zurückgehalten wird, sondern auch über ein spezielles System die Pflanzen automatisch bewässert“, berichtet Jannik Reinhard.

PV-Kooperation mit örtlichem Elektriker
Beim Thema PV-Anlagen spielt dem Betrieb in die Karten, dass Großkunden inzwischen Dacharbeiten und Photovoltaik nur noch in einem gemeinsamen Auftrag vergeben. Damit sind die Solateure raus aus dem Spiel. „Ich konnte dafür einen örtlichen Elektriker als Partner gewinnen, für den wir auch schon Aufständerungen von PV-Anlagen gemacht haben“, erläutert Udo Reinhard. Man kennt und vertraut sich.
Stahlwinkel bis drei Millimeter biegen
Ein Beispiel dafür, wie sich der Betrieb auf Kundenwünsche einstellt, ist die Metallverarbeitung mit modernen Maschinen, wie der CNC-gesteuerten Schwenkbiegemaschine. Diese fand sogar Aufnahme in den Imagefilm von Zukunft Dachdecker, der Jugendorganisation des Landesverbandes Rheinland-Pfalz, in der sich Jannik Reinhard engagiert. „Wir können damit Stahl bis drei Millimeter biegen, die meisten Dachdecker haben nur Maschinen für bis zu 1,5 Millimeter“, so Jannik Reinhard.

Bei Zukunft Dachdecker engagiert sich auch Zimmerer- und Dachdeckermeisterin Madeleine Peterson-Oster. Lest hier unser Portrait!
Im Kölner Stadtteil Chorweiler hat das Team Hochhausdächer mit einer Höhe bis zu 70 Meter saniert. „Das sind andere Windlastzonen, es braucht starke Winkel für die Attika. Während andere solche Teile extra bestellen müssen, können wir jederzeit diese Winkel selbst biegen.“ Reinhard hatte auch hier schon früh, im Jahr 2000, den richtigen Riecher.

„Unser Ruf basiert auf unserer Qualität“
Was das Team zudem auf großen Flachdächern gerne macht und auch kann, ist Heißbitumen. Das bietet hohe Qualität und die Sicherheit, dass sich eine Leckage nicht über das ganze Dach ausbreitet und so gut lokalisierbar bleibt. Dafür kommen dann Kocher und Gießkannen zum Einsatz. „Unser guter Ruf basiert auf unserer Qualität“, sagt Udo Reinhard. „Ich habe schlaflose Nächte, wenn es irgendwo Probleme auf einer Baustelle gibt. Wir sind immer selbst vor Ort als Chefs, jede Woche einmal oder öfter. Wir kennen alle Baustellen, besprechen die Pläne mit den Bauleitern, Architekten und Kunden.“ Reinhard bricht dabei eine Lanze für kleinere Betriebe. „Es hat einen guten Grund, dass wir im Dachdeckerhandwerk so viele Betriebe mit vier bis sechs Mitarbeitern haben. Steht der Chef selbst auf dem Dach, läuft das mit der Qualität.“

Früher Einstieg in Asbestentsorgung
Eine gute Nase hatte Udo Reinhard auch bei der Asbestentsorgung, als ab 1991 nach den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) eine Schulung für die Dienstleistung notwendig wurde. „Ich habe gleich mit unserem Team eine Weiterbildung der BG Bau absolviert, wir waren damals einer der ersten Betriebe überhaupt.“ Deshalb verdiente Reinhard knapp zwei Jahre richtig gutes Geld mit den Anfragen von Kollegen und Entsorgern. „Für die Asbestentsorgung gab es einen höheren Stundensatz als für die spätere Eindeckung.“
Büroräume im privaten Wohnhaus
Eher ungewöhnlich für einen Betrieb mit 18 Mitarbeitern ist die Organisation des Büros. Da auf dem Firmengelände neben der großen Halle Platz für ein Bürogebäude fehlte, brachten Udo und Ehefrau Elke die Administration kurzerhand im Privathaus unter. Das hat aber auch noch einen anderen Grund – kurze Wege. „Wir wollten zwei Kinder haben und so konnten wir Beruf und Privatleben gut unter einen Hut bringen“, erzählt Udo Reinhard. Ehefrau Elke managt das Büro, sie hat dafür gleich zwei Ausbildungen, als Industriekauffrau und als Bänkerin. Beide sind ein eingespieltes Team, zwei echte Praktiker.

Der Sohn übernimmt vom Vater
Jetzt kommt Sohn Jannik mit ins Boot, bereits im nächsten Jahr tauscht er mit Vater Udo die Rollen und wird Inhaber und Geschäftsführer. Udo Reinhard arbeitet dann als Prokurist und angestellter Meister und weniger als bisher. „Ich werde nicht mehr als erster da sein und vor sechs Uhr die Halle aufschließen.“ Sohn Jannik kam früh mit aufs Dach zum Aufmaß, jobbte später in den Ferien und entschied sich vor dem Abitur dafür, den Betrieb zu übernehmen.
Er ist ein Durchstarter mit verkürzter Lehre und bei allen Prüfungen war er einer der besten, wie beim Meister am BBZ Mayen oder danach beim geprüften Betriebswirt nach Handwerksordnung, den er auch in Vollzeit dranhängte, um sein wirtschaftliches Know-how zu vertiefen. „Ich habe Lust am Handwerk, scheue aber auch nicht die Theorie“, sagt er selbst von sich, wirkt dabei aber sehr bodenständig.

Sein Vater hat bis heute keinen PC im Büro und schwört auf Papier, während der Betrieb sonst digital schon gut aufgestellt ist, etwa mit iPads auf den Baustellen. Gerade weil beide so verschieden sind, ergänzen sie sich gut. „Der Übergang wird harmonisch verlaufen“, ist Udo Reinhard überzeugt.
Umbruch beim Führungspersonal
Jannik Reinhard steht, obwohl der Betrieb hervorragend läuft, in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor der großen Aufgabe, den Umbruch beim Führungspersonal hinzubekommen, neue Mitarbeiter dafür zu finden, etwa im Büro, wo die Mutter noch weitermacht, aber irgendwann den Staffelstab übergeben wird. Zudem gehen wichtige Mitarbeiter, wie der Bruder von Vater Udo, ein Vorarbeiter und der Klempnermeister, in Rente. „Wir müssen vernünftige Leute bekommen“, erklärt Jannik Reinhard.

Familiäres Klima im Team
Das fällt nicht leicht in dieser ländlichen Region, auch wenn im Team ein familiäres Klima herrscht und alle immer wieder gemeinsam etwas unternehmen, wie jüngst eine Tour nach Köln mit Domdachbesichtigung, Party und Übernachtung. Erfahrene Gesellen konnten trotz der kostspieligen Beauftragung einer Personalagentur nicht gewonnen werden. So sind denn auch viele der langjährigen gewerblichen Mitarbeiter „Eigengewächse“. Aktuell gibt es keinen Azubi, immerhin einen Praktikanten, der womöglich nächstes Jahr die Lehre beginnt. Doch Jannik Reinhard wird diese Herausforderung annehmen und neue Wege suchen und finden, wie es schon sein Vater erfolgreich getan hat.
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