Leichtsinn bei der Absturzsicherung

Leichtsinn bei der Absturzsicherung hat fatale Folgen

15. Juni 2018

 · Knut Köstergarten

Der Orkan Friederike hat im Januar nicht nur viele Dächer beschädigt. Im Zuge der Reparaturen gab es auch einige Arbeitsunfälle mit schweren Verletzungen, etwa in Köln oder Paderborn. Die Ursache: Abstürze vom Dach aus großer Höhe von sechs oder zehn Metern bis hinunter auf den Bürgersteig. Das Muster ist klar. Die Betriebe kommen mit den Reparaturen nach Sturmschäden kaum nach. Die Mitarbeiter steigen unter Zeitdruck auf die Dächer – die Absturzsicherung wird bei ein paar zu tauschenden Pfannen vernachlässigt. Die Folge im Fall Paderborn: Beim Absteigen rutschte der Mitarbeiter mit dem Fuß auf einer regennassen Dachpfanne aus, verlor den Halt und zog sich beim Sturz in sechs Meter Tiefe auf gepflasterten Boden schwere Armverletzungen zu. Der Mann hat da noch Glück im Unglück gehabt: Es hätte auch tödlich ausgehen können. Betriebe, die für ihre Leute auf dem Dach keine Absturzsicherung vorhalten, handeln grob fahrlässig.

Gesundheit der Mitarbeiter in den Fokus rücken

Es geht hier um die Gesundheit der Mitarbeiter, das Image des Berufsbilds und auch ums Geld. Denn Abstürze verursachen hohe Folgekosten. Ein Beispiel aus dem Fundus der BG Bau, vorgetragen auf der Messe DACH+HOLZ in Köln von Frank Christ. Ein Mitarbeiter fällt beim Aufsteigen von der dritten Sprosse einer Leiter. Kann ja nicht viel passieren, denkt man sich. Doch der Mann kommt so unglücklich auf dem Boden auf, dass ein Fersenbruch die Folge ist und Kosten von 400.000 Euro verursacht. Die Sprossenleitern sind der BG Bau ein Dorn im Auge, fast die Hälfte aller schweren Absturzunfälle passieren mit Leitern. Die Weiterentwicklung in Sachen Absturzsicherheit ist die leichte, ergonomische Plattformleiter mit 8 Zentimeter tiefen Stufen und einem Geländer zum Festhalten. Die Anschaffung dieses neuen Leitertyps und anderen Lösungen für Arbeiten in der Höhe fördert die BG Bau über Arbeitsschutzprämien.

Absturzsicherung: Dachdecker und Zimmerer setzen auf Prävention

Frank Christ berichtet noch von einem weiteren Unfall, der ein Schlaglicht auf den Leichtsinn von Betrieben wirft. Zum Verlegen der Trapezbleche wurde ein Flachdach mit Lichtkuppelöffnungen durch Schutznetze abgesichert. Die Netze wurden jedoch unmittelbar nach dem Aufbringen der Trapezbleche entfernt. Doch auch danach waren Mitarbeiter auf dem Dach beschäftigt, einer bewegte sich rückwärts, sah die ungesicherte Dachöffnung nicht, stürzte zehn Meter tief und tödlich ab. Sicher sind das tragische Einzelfälle, doch genau so sicher hat der Leichtsinn in einigen Betrieben Methode – bei den Mitarbeitern und den Inhabern. Nach dem Motto: Läuft doch auch ohne Absturzsicherung, bei uns ist noch nie was passiert.

Dachdecker und Zimmerer wollen deshalb gemeinsam mit der BG Bau verstärkt auf Prävention und den Dialog mit den Betrieben setzen. Das zeigte sich schon räumlich auf der Messe DACH+HOLZ. Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) und Holzbau Deutschland hatten sich mit ihren Ständen in Halle 9 links und rechts vom Arbeitssicherheitsparcours der BG Bau auf einem Gemeinschaftsstand platziert.

 Messestand auf der DACH + HOLZ:

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Bei den Zimmerern ist der Druck hoch. Bisher waren sie gemeinsam mit anderen Baugewerken, zu denen auch die Dachdecker zählen, in einer Gefahrtarifklasse. Jetzt sind sie bundesweit in eine eigene, teurere Gefahrentarifklasse eingestuft worden. Was allerdings nichts mit Bösartigkeit, sondern mit Statistik und gesetzlichen Vorgaben zu tun hat. Bei den Zimmerern gibt es eine um 37 Prozent erhöhte Unfallgefahr gegenüber den anderen Baugewerken.

60 Prozent der Unfälle sind Abstürze

Die Fakten dazu: 145 von 1.000 Beschäftigten im Zimmererhandwerk haben pro Jahr einen Arbeitsunfall. Sie verunglücken zweieinhalb Mal so oft wie der Durchschnitt der Gewerke im Bausektor. Doch auch die Dachdecker können sich keineswegs zurücklehnen. 30 Unfälle pro Tag sind durchschnittlich zwischen 2012 und 2016 gemeldet worden.

Diese Häufigkeit findet sich ansonsten im Baugewerbe nirgendwo. Und rund 60 Prozent der Unfälle sind Abstürzen geschuldet – meist mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen und hohen finanziellen Kosten. „Ganz wichtig ist für uns der Messeschwerpunkt Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit. Auch wenn die allgemeinen Unfallzahlen im Dachdeckerhandwerk zurückgehen, gibt es keinen Grund, sich auszuruhen. Vielmehr müssen wir jede Gelegenheit nutzen, um aufzuklären und das Bewusstsein aller Mitarbeiter am Bau zu schärfen. Der Einsatz von Maßnahmen zur Arbeitssicherheit muss so selbstverständlich werden wie Zähneputzen“, machte ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk bereits auf der Pressekonferenz vor der Messe DACH+HOLZ im Dezember in München deutlich. Denn die Rechtslage ist seit 2015 eindeutig. Es gibt ab zwei Meter Höhe eine Pflicht zur Absturzsicherung gegen nach außen und nach innen.

BG Bau präsentiert sich als Partner der Betriebe

Ein erstes Indiz dafür, dass das Thema bei den Betrieben ankommt, war sicher das große Interesse am Arbeitssicherheitsparcours der BG Bau. Dort konnten die Dachdecker und Zimmerer mit den Experten einerseits ins Gespräch kommen, aber vor allem die praktischen Lösungen in Sachen Absturzsicherung selber ausprobieren und auf ihre Umsetzbarkeit testen. Vorführungen in luftiger Höhe kamen hinzu, bei denen die erwähnte Plattformleiter, sichere Gerüstkonstruktionen, kleine und größere Schutznetze sowie mobile Anschlagpunkte und persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz vorgestellt wurden. Bei Letzteren konnte gleich mit einem gängigen Vorurteil aufgeräumt werden. Das Anlegen der Gurte dauert gerade mal eine halbe Minute – so viel Zeit sollte vorhanden sein vor dem Gang aufs Dach.

Leitern wurden schon erwähnt und sind ein zentrales Thema. Seit Anfang 2018 sind hier nur noch gewerbliche Leitern zulässig und keine mehr, die nur für privaten Gebrauch ausgelegt sind. Maximal ist für Leitern eine Höhe von fünf Metern erlaubt. Doch wie sollen diese denn überhaupt wie vorgeschrieben am Dach gesichert werden? Eine sichere Alternative ist da der Einsatz einer Hebebühne, mit der sich natürlich auch Material ohne Probleme nach oben transportieren lässt. Sichere Wege sind auch auf Gerüsten von zentraler Bedeutung. Sprossenaufstiege sind für den Aufbau da, nicht für das Arbeiten. Schon gar nicht, wenn noch Material geschleppt wird. Treppen auf Gerüsten werden laut Professor Marco Einhaus von der BG Bau ab einer Gerüsthöhe von fünf Metern voraussichtlich noch in diesem Jahr Pflicht werden. Und Gerüste müssen immer eine Absturzsicherung nach außen haben, auch beim Auf- und Abbau. Eine solche neu entwickelte und durch das Deutsche Institut für Bautechnik zugelassene Lösung, mit systemintegriertem vorlaufenden Seitenschutz, wurde ebenfalls auf dem Parcours vorgestellt.

Praxiserprobte Lösungen für die Absturzsicherung

Dabei gilt für alle vorgestellten Lösungen im Bereich Arbeitssicherheit, dass sie in enger Kooperation mit den Verbänden der Dachdecker und Zimmerer sowie der Industrie entwickelt und danach auf Musterbaustellen in der Praxis erprobt werden. Das gilt auch für die persönliche Schutzausrüstung, die leicht anzulegen sein muss und bei der Arbeit nicht stören darf. So ist etwa das Sicherungsseil als „Lifeline“ so angebracht, dass die Bewegungsfreiheit nicht beeinträchtigt wird. Bei den Anschlagpunkten gibt es inzwischen verschiedene Lösungen, von denen die spektakulärste wohl die Absturzsicherung über einen Kranausleger ist, dessen Kran über einen sogenannten Personensicherungsmodus verfügt.

Die Zukunft soll einer fest auf dem Dachsims angebrachten Schiene gehören. So haben Braas und Bornack dazu je ein eigenes Modell entwickelt, das dann am Ende unter der Dachpfanne nicht mehr sichtbar ist. Der zentrale Vorteil: Bei jeder Instandhaltungsarbeit können sich die Mitarbeiter dort anseilen und auf dem ganzen Dach abgesichert agieren. Abstürze beim Pfannenwechsel nach Winterstürmen würden dann der Vergangenheit angehören. Doch dafür gilt es auf Seiten der Betriebe nicht nur intern auf Prävention zu setzen, sondern auch mit Nachdruck gegenüber den Auftraggebern auf die bereits nach den Bauordnungen erforderlichen „sicher benutzbaren Vorrichtungen auf Dächern“ zu drängen.

Sie wollen mehr darüber erfahren, was die unabhängigen Experten der BG Bau zum Thema Arbeitssicherheit an Tipps und Unterstützung anbieten. Dann lesen Sie den Kommentar von Professor Marco Einhaus.

 

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