Schwarzes DACH LIVE Logo, wobei das A und der Schrägstrich im Wort rot hervorgehoben sind.
Acht Personen in schwarzen Jacken und Arbeitshosen stehen und posieren auf einem großen Dach mit historischen Backsteinbauten und Gerüsten im Hintergrund. Bei der Gruppe scheint es sich um Bauarbeiter oder Dachdecker zu handeln.

Dach-Baustellen

Zwei Oberlichtfenster mit geschlossenen Außenjalousien sind auf einem dunklen, mit Ziegeln gedeckten Schrägdach installiert, und im Hintergrund sind grüne Bäume zu sehen.

Produkte

Zwei Arbeiter in grünen Hemden und Handschuhen verlegen unter strahlend blauem Himmel orangefarbene Dachziegel auf einem Schrägdach, wobei einer dem anderen einen Ziegel reicht. In der Nähe sind Stapel von Ziegeln zu sehen.

Dachdeckerbetrieb

Ein Arbeiter mit rotem Schutzhelm und Klettergurt kniet auf einem Dach, hält ein Telefon in der Hand und überprüft die an einem Kabel befestigte Sicherheitsausrüstung.

Arbeitssicherheit

Eine lächelnde Person in einem weißen Hemd und grauen Handschuhen verlegt Dachziegel auf einem schrägen Dach, wobei im Hintergrund Sicherheitsnetze und Gebäude zu sehen sind.

Dachdecker werden

Zwei Männer stehen in einem Lagerhaus und schauen gemeinsam auf eine Tafel. Ein Mann trägt ein rotes Hemd und hält ein aufgerolltes Papier, der andere trägt ein schwarzes Hemd. Im Hintergrund sind große Regale mit Säcken oder Behältern zu sehen.

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Frau mit Brille steht neben einem blauen Auto und hält eine orangefarbene Mappe in der Hand.

Wenn das Leben kopfsteht: Nelli Specht führt Dachdeckermeisterbetrieb

Anja Streiter

5. September 2023

Man kann sein Leben planen, das Beste tun, sich anstrengen, viel arbeiten, Erfolg haben, seine große Liebe finden und eine Familie gründen und dann kann doch alles plötzlich eine ganz andere Wendung nehmen. Wenn das Leben kopfsteht, was hilft dann, weiter zu gehen?

Der unerwartete Tod des Mannes

Der selbständige Dachdeckermeister René Specht, seine Frau Nelli, im Familienbetrieb die Bürokauffrau, die Söhne Dennis und Maximilian, damals 22 und 9 Jahre alt, sind im April 2022 eigentlich auf Osterurlaub eingestellt, als alles ganz anders kommt. René Specht bricht plötzlich zusammen und stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus. Er ist 46 Jahre alt.

Der Betrieb steht auf der Kippe 

Der Tod kommt so plötzlich, dass die Existenz des Betriebes, für den René Specht alles gegeben hatte, auf dem Spiel steht. Obwohl Nelli Specht, eine erfahrene Bürokauffrau, jahrelang das Büro geleitet hat, verfügt sie zunächst nicht über die nötigen geschäftlichen Befugnisse. Der scheinbar einfache Weg scheint zu sein, das Geschäft aufzugeben. 

Ein Brautpaar steht Hand in Hand, die Braut hält einen Blumenstrauß. Ein Mann steht hinter ihnen, ein Banner mit der Aufschrift "Marburg" im Hintergrund.
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Die Hochzeit von Nelli und René Specht. (Alle Fotos: Specht)

„Aber aufgeben war keine Option und wäre nicht im Sinne meines Mannes gewesen. Die Verantwortung für die Mitarbeiter und deren Familien ging auf mich über. Ohne Zeit für Trauer zu haben, musste ich funktionieren“, erinnert sich Nelli Specht. So begann der Kampf mit Behörden und anderen Institutionen, die ihr immer wieder zu verstehen gegeben haben, was alles nicht geht, aber nicht, wie eine Lösung aussehen könnte. „Aufgeben ist keine Option! Dieser Gedanke begleitete mich Tag und Nacht und es gab doch Lösungen, die ich mir erkämpft habe.“

Bild von Maximilian Specht auf der Baustelle
Auch der jüngste Sohn Maximilian hilft schon mit auf den Baustellen.

Wie hätte er entschieden?

Nach dem Tod ihres Mannes fragte sich Nelli Specht jeden Tag: „Wie hätte René entschieden?“ Wenn Sohn Dennis am Wochenende von der Dachdecker-Meisterschule heimkam, fuhr er zu Kunden, erstellte gemeinsam mit der Mutter Angebote und Rechnungen. Gemeinsam besprachen Mutter und Sohn die betrieblichen Belange und planten die Arbeitsabläufe. Dann sagte Dennis Specht oft: „Der Papa hätte das so gemacht.“ 

Der Papa, der Mann: „Er fehlt uns jede Sekunde“, sagt Nelli Specht. René Specht hätte seinen Betrieb gerne einmal an seine beiden Söhne übergeben und stolz zugeschaut, wie seine „Specht-Jungs“ den Betrieb weiter nach vorne bringen. 

Der Papa hätte es so gewollt

In der schwersten Zeit ihres Lebens findet Nelli Specht den stärksten emotionalen Rückhalt bei ihren Eltern und ihren Kindern, auch wenn die Söhne in ihrer Trauer selbst Zuspruch brauchen. „Hätte ich unsere Kinder nicht, ich wüsste nicht, was ich machen soll.“ „Was hätte der Papa gewollt?“ wird zur Leitfrage zwischen Nelli und ihren Söhnen. „Er hätte gewollt, dass wir weitermachen“, sagt Sohn Dennis. 

Bild von Team von Nelli Specht
Das Team stärkt Nelli Specht den Rücken - keiner ging nach dem Tod des Mannes von Bord.

Loyale Mitarbeiter

Noch vor der Beerdigung versicherte die Witwe den Mitarbeitern des Betriebes, dass dieser weitergeführt wird. Gute Fachkräfte werden überall gesucht, die Mitarbeiter der Firma Specht wären alle schnell bei anderen Dachdeckern der Region untergekommen. Doch statt ein möglicherweise sinkendes Schiff zu verlassen, standen sie an der Seite ihrer neuen Chefin. Die zahlte in den ersten administrativen Wirren, als geschäftliche Konten gesperrt waren, die Löhne aus eigener Tasche und überzeugt ihren Schwiegervater Günter Specht, der die Firma im Jahre 1986 gegründet hatte, für eine Übergangszeit noch einmal der betriebsleitende Dachdeckermeister zu sein. 

Bild von Team-Specht
Weiter ging es für die Mitarbeiter auf den Baustellen und für Nelli Specht im Büro.

Die eigene Kompetenz als Kraftquelle

Nelli Specht und dem Betrieb kommt auch das Fachwissen zugute, das die Bürokauffrau schon bei einer früheren Anstellung in einer Unternehmensberatung erworben hat. Sie brauchte in den besonders schwierigen Monaten direkt nach dem Tod ihres Mannes keinen Interims-Manager, den sie teuer hätte bezahlen müssen. Sie weiß, worauf sie in der betrieblichen Führung und Entwicklung zu achten hat und kennt sich mit den Zahlen aus. 

Von wo kommt Hilfe? Rat und Tat

In Krisenzeiten ist schnelle, unbürokratische und von Herzen kommende Unterstützung wichtig. Die administrativen Anforderungen nehmen sich für Nelli Specht zunächst aus wie ein Irrgarten. „Immerzu habe ich jemanden gefragt: „Wo muss ich jetzt hin? An wen muss ich mich damit wenden?“ 

ild von Mitarbeitern von Nelli Specht
Inzwischen können die Mitarbeiter auf den Baustellen auch wieder lachen.

Schneller Beistand kommt vom Materiallieferanten, der Dachdecker-Einkauf Süd eG. Dort steht Vorstandsmitglied Björn Augustin der mutigen neuen Geschäftsführerin mit Rat und Tat zur Seite. Auch die Unterstützung langjähriger Geschäftspartner und Hersteller gibt Kraft: „Die für uns zuständigen Mitarbeiter, etwa von BMI Braas, Creaton, Roto oder Velux, waren auch zu später Stunde für mich erreichbar und haben das ein oder andere Mal das Unmögliche möglich gemacht“, erinnert sich Nelli Specht. 

Die befreundeten Dachdecker Gregor Müllenhoff und Stefan Schöffmann waren jederzeit erreichbar und standen für Fragen und Antworten bereit. Alte Freunde des Verstorbenen aus der Zeit der Meisterschule am BBZ Mayen standen der Witwe am Tag der Beerdigung zur Seite. „Sie melden sich noch immer regelmäßig und bieten Hilfe an, wie etwa Jan-Marco Hermann oder Henning Schlautmann.

Bild von Mitarbeiter des Betriebs Specht auf dem Gründach
Gründächer gehören zum Angebot des Dachdeckermeisterbetriebs Günter Specht GmbH.

Vater meldet Sohn auf der Meisterschule an

René Specht war es sehr wichtig, dass Sohn Dennis nach der zweijährigen Lehre und zwei weiteren Jahren als Geselle im elterlichen Betrieb ab Sommer 2022 die Meisterschule am BBZ Mayen absolviert. Nur zwei Monate vor seinem Tod begleitete er stolz seinen Sohn und sie schauten sich die Schule gemeinsam an. Einigen der Lehrkräfte, die noch immer am BBZ Mayen unterrichten, war René Specht in guter Erinnerung und sie schwärmten noch immer von seiner Leistung als Jahrgangsbester des Dachdeckermeisterjahrgangs 2001. „Er wünschte seinem Sohn eine ebenso schöne und lehrreiche Zeit an der Schule, wie er sie selbst genossen hatte“, erzählt Nelli Specht.

Bild von Dennis Specht mit Meisterbrief
Sohn Dennis bestand in diesem Mai die Meisterschule am BBZ Mayen.

Zustimmung, Anerkennung und ein offenes Ohr

Wichtige Zustimmung kommt auch von den Kunden, von denen die Mitarbeiter mit Worten der Wertschätzung zurückkehren. Langjährige Kunden, so erzählt Nelli Specht, rufen an und sagen: „Deine Jungs waren heute da, und die haben es genauso gemacht, wie es René gemacht hätte.“ Beistand bekommt Frau Specht auch vom zivilgesellschaftlich engagierten „Rotary Club Wetter - Hessen“, in dem René Specht Mitglied war, und wird dort anstelle ihres Mannes aufgenommen. Und schließlich kommen Worte der Anerkennung auch von Menschen aus dem Dorf Niederasphe, wo die Familie lebt, von denen die aus Frankenberg zugezogene Geschäftsführerin es nicht unbedingt erwartet hätte. 

Bild von Nelli Specht
Kundentermine gehören inzwischen zum Arbeitsalltag von Nelli Specht.

Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeitern

Das Specht-Team besteht derzeit neben Nelli und Dennis Specht aus sechs Mitarbeitern, darunter zwei Auszubildende. „Es vergeht kein einziger Tag, an dem wir nicht an meinen Mann denken, auf jedem Dach, mit jedem Hammerschlag, bei jedem einzelnen Nagel, Schieferstein und Ziegel in der Hand, ist er in Gedanken bei uns“, sagt Nelli Specht. „Ich bin ‚meinen‘ Mitarbeitern sehr dankbar dafür, dass sie diesen schweren Weg mit mir gegangen sind, ihr Vertrauen in mich gesetzt haben und dies immer noch tun. Die Fußstapfen sind sehr groß, aber mit meinem Team und meinen Kindern schaffe ich alles.“

Bild von Kran von Betrieb Specht
Nelli Specht ist ihrem Team sehr dankbar, dass sie den schwierigen Weg mitgegangen sind.

Nach der erfolgreich absolvierten Meisterprüfung von Dennis Specht im Mai 2023 endete die Übergangzeit mit dem betriebsleitenden Meister Günter Specht. Seitdem leitet die Geschäftsführerin Nelli Specht den Betrieb gemeinsam mit ihrem älteren Sohn. „Später soll der Betrieb von Dennis und seinem jüngeren Bruder Maximilian gemeinsam und zu gleichen Teilen geführt werden“, erklärt Nelli Specht. „So wie der Vater es gewollt hätte.“

Sie interessieren sich für das Thema Nachfolge? Dann lesen Sie unsere Story über den gelungenen Prozess bei der Rüchel Bedachungs GmbH.

Anja Streiter

Hat bisher vor allem Bücher, Artikel und Rezensionen über Filme geschrieben. Fragen stellen, zuhören, Zusammenhänge verstehen und gute Texte schreiben, das sind die Leidenschaften, die sie als Quereinsteigerin bei Dach\Live einbringt.

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