Inhaltsverzeichnis
- Zeitkapsel im Turm der Kirche St. Nikolai
- Wenn Dächer erzählen könnten
- Auf welchen bekannten Hamburger Dächern hat D.H.W. Schultz gearbeitet?
- Alte Firmenunterlagen „überlebten“ in schwerem Eisenschrank
- Steckbrief: D.H.W. Schultz & Sohn, Hamburgs ältester Handwerksbetrieb
- Zurück auf St. Nikolai
- Zwischen bewahren und besser machen
- 300 Jahre alt – Mannschaft im Durchschnitt 30
- Gerne mit Schnittstellen zwischen den Gewerken
- Mitarbeitende müssen ins Team passen
- Gegen den Stillstand
Hamburgs ältester Handwerksbetrieb hat an fast allen großen Kirchen der Hansestadt gearbeitet. Jüngst sanierte das Team Teile des Turms von St. Nikolai in Elmshorn und stieß dort auf eine Botschaft von Kollegen aus dem Jahr 1960. Eine Geschichte über Kupfer, Kirchtürme, Handwerksstolz und die Verantwortung, Dinge so nachhaltig zu bauen, dass die nächste Generation möglichst lange etwas davon hat.

Zeitkapsel im Turm der Kirche St. Nikolai
Es klapperte. Eigentlich sollten die vergoldeten Kugeln auf den kleinen Türmen von St. Nikolai in Elmshorn nur abgenommen, aufgearbeitet und neu vergoldet werden. Doch in einer von ihnen bewegte sich etwas. Also wurde sie in der Werkstatt des Hamburger Traditionsunternehmens D.H.W. Schultz & Sohn, Mitglied der DEG Alles für das Dach eG, geöffnet. Zum Vorschein kam eine Zeitkapsel mit einer Bild-Zeitung vom 5. August 1960, einem Bericht über die damalige Turmsanierung, einem handgeschriebenen Brief, Münzen und alten Geldscheinen, teilweise mit Unterschriften jener Handwerker, die damals hier gearbeitet hatten. Für Geschäftsführerin Isabel Matthiessen ein „herzerwärmender Blick in die Vergangenheit“. Wobei ein Blick über 66 Jahre für D.H.W. Schultz eigentlich eine Kurzstrecke ist. Das Unternehmen feierte 2026 seinen 300. Geburtstag.



Wenn Dächer erzählen könnten
1726 findet sich im Kirchenbuch von St. Jacobi die erste gesicherte Erwähnung des „Bleydecker-Gewerbes“ von Matthias Andreas Mettlerkamp. Damit ist D.H.W. Schultz & Sohn heute der älteste bestehende Handwerksbetrieb Hamburgs. Vermutlich sogar einer der wenigen Betriebe Deutschlands, bei denen 100 Jahre alte eigene Arbeiten gelegentlich wieder vor den heutigen Mitarbeitenden auftauchen. In der Hamburger Speicherstadt geschieht genau das. Dort ist D.H.W. heute erneut tätig. „Wir waren dort nachweislich schon 1900“, erzählt Matthiessen.
Kupferdach: D.H.W. Schultz saniert historische Maschinenzentrale
Auf welchen bekannten Hamburger Dächern hat D.H.W. Schultz gearbeitet?
Michel, Rathaus, Speicherstadt, Landungsbrücken, Bahnhöfe, Hotels und Kirchen: An vielen der Dächer, die heute selbstverständlich zum Bild der Hansestadt gehören, haben Generationen von Mitarbeitenden von D.H.W. Schultz gearbeitet. Zum 275-jährigen Bestehen schenkte die Stadt Hamburg dem Betrieb ein Fenster mit sechs geschliffenen Gläsern. Darauf zu sehen: die fünf Hamburger Hauptkirchen und der Turm des Rathauses. „Wir haben alle gemacht“, sagt Matthiessen. Marcus Deckerdt, Prokurist und technischer Leiter, fügt hanseatisch-bescheiden hinzu: „Was haben wir nicht in Hamburg gedeckt?“

Alte Firmenunterlagen „überlebten“ in schwerem Eisenschrank
Und dann kamen zwei Weltkriege, Inflation, Wirtschaftskrisen, Wiederaufbau und immer neue technische Entwicklungen. Dass sich die Geschichte des Unternehmens heute überhaupt noch so weit zurückverfolgen lässt, ist selbst eine kleine Geschichte. Die alten Firmenunterlagen lagen während des Zweiten Weltkriegs in einem schweren Eisenschrank. Das Gebäude wurde zerbombt, der Schrank und sein Inhalt überstanden die Zerstörung. Manche Blätter sind angebrannt, dünn und inzwischen pergamentartig. Der Eisenschrank steht noch heute im Unternehmen.
Steckbrief: D.H.W. Schultz & Sohn, Hamburgs ältester Handwerksbetrieb
- Seit: 1726, erste gesicherte Erwähnung im Kirchenbuch von St. Jacobi
- Team: rund 50 Mitarbeitende, Durchschnittsalter etwa 30 Jahre
- Leistungen: Dachbau, Bauklempnerei, Zimmerei, Haustechnik (Sanitär, Heizung, Klima), Blitzschutz, Brandschutz
- Leitung: Geschäftsführerin Isabel Matthiessen; Prokurist und technischer Leiter Marcus Deckerdt
- Meilensteine: 1770 erster Blitzableiter Europas auf St. Jacobi, 1894 Ersteindeckung des Hamburger Rathauses, 1906 bis 1909 Kupferarbeiten am Michel
- Aktuelles Projekt: Sanierung am 54 Meter hohen, 1881 errichteten, neugotischen Turm von St. Nikolai in Elmshorn
Zurück auf St. Nikolai
So abenteuerlich wie die Turmsicherung von 1869 ist der derzeitige Auftrag in Elmshorn nicht. Für Marcus Deckerdt ist die Arbeit am 54 Meter hohen Turm von St. Nikolai handwerklich „für uns im Kern keine große Herausforderung“. Klingt selbstbewusst und zugleich nach jemandem, der lange genug selbst auf Dächern gestanden hat. Deckerdt kennt D.H.W. Schultz nicht nur vom Schreibtisch. Er hat „die Dächer dieser schönen Weltstadt“ mit den eigenen Händen gedeckt. Heute verantwortet er als technischer Leiter die verschiedenen Gewerke.
Bei St. Nikolai geht es vor allem um die Sanierung der Fassade des 1881 errichteten neugotischen Turms. Für D.H.W. Schultz fallen dabei zahlreiche Klempnerarbeiten an. Holzlamellen der Schallluken werden mit Kupfer verkleidet, Mauerabdeckungen erneuert, Blecharbeiten ausgeführt und die Kugeln der Nebentürme aufgearbeitet und neu vergoldet. Die eigentliche Schwierigkeit liegt woanders.

Zwischen bewahren und besser machen
„Das Anspruchsvolle ist, dem Denkmalschutz gerecht zu werden“, erklärt Deckerdt. Alles Brauchbare soll erhalten werden. Das gilt auch für altes, patiniertes Kupfer. Schließlich würde eine neue, blank glänzende Fläche mitten im historischen Bestand lange wie ein Fremdkörper wirken. Aber Denkmalschutz bedeutet für Deckerdt eben nicht, technisch überholte Lösungen um jeden Preis zu wiederholen. „Es bringt auch niemandem etwas, wenn man in drei Jahren wieder ran muss.“ Genau darin liegt für ihn die Kunst: das historische Erscheinungsbild bewahren und gleichzeitig eine handwerklich nachhaltige Lösung schaffen.
„Das Anspruchsvolle bei der Sanierung der Türme von St. Nikolai ist, dem Denkmalschutz gerecht zu werden.“ Marcus Deckerdt
Kupfer selbst ist dabei häufig gar nicht das Problem. Bei älteren Konstruktionen versagt mitunter das, was darunter liegt: „Kupfer hält, wenn es gut verarbeitet ist.“ Bei früheren Dächern waren beispielsweise Stahlnägel irgendwann durchgerostet. Heute kommen Edelstahl und moderne Befestigungstechniken zum Einsatz. Deshalb erwartet Deckerdt bei fachgerecht aufgebauten Konstruktionen Standzeiten, bei denen die nächste Generation von Klempnern hoffentlich lange nur von unten hinaufschauen muss.
Und auch das Material passt in die heutige Nachhaltigkeitsdiskussion. Kupfer lässt sich wiederverwenden und recyceln. Bei Sanierungen versucht D.H.W., möglichst viel historisches Material zu erhalten. Nachhaltigkeit kann im Handwerk auch bedeuten, etwas so zu bauen, dass man möglichst lange nicht wiederkommen muss.
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300 Jahre alt – Mannschaft im Durchschnitt 30
Wer bei einem 300 Jahre alten Unternehmen entsprechend betagte Strukturen vermutet, dürfte sich wundern. Rund 50 eigene Mitarbeitende beschäftigt D.H.W., das Durchschnittsalter liegt bei etwa 30 Jahren. Der Betrieb kann inzwischen Dachbau, Bauklempnerei und Zimmerei ebenso wie Haustechnik mit Sanitär, Heizung und Klima, Blitzschutz und Brandschutz. Und es gibt langjährige Partner, wie einen Schieferdecker beispielsweise seit nahezu 100 Jahren. Gerade bei komplizierten Projekten sieht Deckerdt darin einen entscheidenden Vorteil.

Gerne mit Schnittstellen zwischen den Gewerken
Zimmerer, Dachdecker und Klempner arbeiten nicht nacheinander und schieben sich bei Problemen gegenseitig Verantwortung zu. Sie kennen die Anforderungen des nächsten Arbeitsschrittes. „Wer den Fehler an Stelle eins macht, ist bei Schritt zwei auch noch dabei“, beschreibt Deckerdt das mit einem Lachen. So entsteht Verantwortung ziemlich automatisch. Und genau solche Baustellen reizen ihn: historische Speicher, komplizierte Dachaufbauten, Fassaden, große Klimaaggregate auf alten Gebäuden, Schnittstellen zwischen mehreren Gewerken. „Da fängt es eigentlich an, Spaß zu machen.“
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Mitarbeitende müssen ins Team passen
Ein bemerkenswerter Teil der Firmenphilosophie betrifft die Mitarbeitenden. Bei Neueinstellungen sei nicht vorrangig entscheidend, was jemand bereits perfekt beherrsche, sagt Matthiessen. Fachliches könne man vermitteln. „Aber er muss ins Team passen.“ D.H.W. bietet flexible Arbeitszeiten und Elternteilzeit. Ältere gewerbliche Mitarbeiter, die körperlich nicht mehr dauerhaft auf der Baustelle arbeiten können, werden nach Möglichkeit weiterqualifiziert und ins Büro geholt, um ihr Wissen im Betrieb zu halten.
Gegen den Stillstand
Das Geheimnis von 300 Jahren Geschichte besteht darin, Traditionswahrung nicht mit Stillstand zu verwechseln. D.H.W. plant mit Building Information Modeling (BIM), setzt auf Digitalisierung, nutzt KI im Büro und sogar in der Telefonzentrale. Auf den Baustellen kommen Exoskelette zum Einsatz, um Mitarbeitende bei körperlich belastenden Arbeiten zu unterstützen. „Stillstand ist nie gut“, sagt Matthiessen. Was bleibt, ist der Anspruch, dass jemand auch Jahrzehnte später noch erkennen soll, dass hier Handwerker wussten, was sie taten.
Was ist der älteste Handwerksbetrieb Hamburgs?
Der älteste bestehende Handwerksbetrieb Hamburgs ist D.H.W. Schultz & Sohn. Die erste gesicherte Erwähnung findet sich 1726 im Kirchenbuch von St. Jacobi als „Bleydecker-Gewerbe“ von Matthias Andreas Mettlerkamp. 2026 feierte das Unternehmen seinen 300. Geburtstag.
Was wurde im Turm von St. Nikolai in Elmshorn gefunden?
In einer der vergoldeten Kugeln auf den Nebentürmen von St. Nikolai fand das Team von D.H.W. Schultz eine Zeitkapsel aus dem Jahr 1960. Darin lagen eine Bild-Zeitung vom 5. August 1960, ein Bericht über die damalige Turmsanierung, ein handgeschriebener Brief sowie Münzen und Geldscheine, teils mit Unterschriften der damaligen Handwerker.
Worauf kommt es bei Kupferarbeiten im Denkmalschutz an?
Bei Kupferarbeiten im Denkmalschutz gilt es, das historische Erscheinungsbild zu bewahren und trotzdem eine nachhaltige Lösung zu schaffen. Brauchbares Material bleibt erhalten, auch altes, patiniertes Kupfer. Oft versagt nicht das Kupfer, sondern die Befestigung darunter. Deshalb kommen heute Edelstahl und moderne Befestigungstechnik statt Stahlnägeln zum Einsatz.



















