Bild von Dachdecker Benjamin Wichern auf dem Dach

Fluggerätemechaniker Benjamin Wichern landet auf dem Dach

4. November 2025

 · Knut Köstergarten

Mit Mitte 30 fasste Benjamin Wichern einen Entschluss: Nach 17 Jahren bei Airbus will er seinen sicheren Industriejob aufgeben, um Dachdeckermeister zu werden und einen erfolgreichen Betrieb in Harsefeld in dritter Generation zu übernehmen. Bereut hat er diese Entscheidung nie.

Airbus reagiert am schnellsten

Nach der Lehre zum Metallbauer mit Fachrichtung Konstruktionstechnik und dem Wehrdienst bewarb er sich bei Dachdeckern, Zimmerern und bei Airbus. Die schnellste Rückmeldung bekam der damals 19-Jährige aus der Industrie – und sagte zu. Anfangs gefiel es ihm gut: „Als Fluggerätemechaniker war ich in ganz Europa unterwegs. Dann wurde ich Eigenprüfer, war also eine Stufe vor dem Qualitätsmanagement. Eine Beförderung später war ich dann Fremdprüfer, saß nur noch im Büro und habe jeden Tag dieselben Teile gestempelt. Mir fehlte die Arbeit mit den Händen und das Tüfteln.“

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern
So sieht ein stolzer Dachdeckermeister aus: Benjamin Wichern. (Alle Fotos: Wichern)

Neuanfang in den Flitterwochen

Während im Job die Unzufriedenheit wuchs, lief es privat umso besser. Im Juli 2020 läuteten die Hochzeitsglocken – in mehrfacher Hinsicht ein Tag des Schicksals. Denn Dieter Meier, Onkel der Braut und Inhaber der Meier und Sohn GmbH & Co. KG, sprach Benjamin Wichern noch während der Feierlichkeiten an, ob er Interesse hätte, den familieneigenen Dachdeckerbetrieb zu übernehmen. „Meine Frau und ich haben uns zusammengesetzt, uns besprochen und noch während der Flitterwochen entschieden, den Weg zu gehen.“

Auch Dachdeckermeister Christian Vonholdt ist Quereinsteiger – er arbeitete vorher als Banker!

Erst einmal beweisen im Dachdeckerbetrieb

Mit 36 Jahren wagte Benjamin Wichern einen Neuanfang, obwohl er nicht nur Zuspruch bekam. „Bei Airbus hatten sich enge Freundschaften entwickelt, da fiel der Abschied schwer. Einige haben mir auch den Vogel gezeigt, hatten gleichzeitig aber Respekt vor dem Schritt.“ Auch bei Meier Bedachungen begegnete man ihm zunächst kritisch: „Wer aus der Industrie kommt, muss erstmal beweisen, dass er hart arbeiten kann“, erzählt Benjamin Wichern. „Ich habe mich von Beginn an wie ein normaler Azubi benommen und auch unliebsame Aufgaben übernommen. Außerdem habe ich mit offenen Karten gespielt und klargestellt, dass ich jetzt zwar zur Familie gehöre, aber trotzdem ‚normal‘ behandelt und kritisiert werden möchte. Ich war schnell gut integriert.“

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern bei Arbeiten auf dem Dach
Wer aus der Industrie kommt, muss bei den neuen Kollegen erst einmal beweisen, dass er anpacken kann.

Dachdeckermeister mit Spaß am Job

Aufgrund seines Vorwissens und seiner guten Noten konnte Benjamin Wichern die Dachdeckerausbildung auf eineinhalb Jahre verkürzen, sammelte weitere Erfahrung als Geselle und schloss im April 2025 erfolgreich die Meisterschule ab. „Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt.“ Er empfiehlt jedem, der in seinem Job unzufrieden ist, sich umzuorientieren. „Ich sehe es an mir, früher war ich nur noch schlecht gelaunt und unzufrieden. Heute bin ich viel entspannter und ausgelassener und freue mich auch nach einem langen Tag auf Action mit meinem kleinen Sohn.“ Eine wichtige Rolle bei all dem spielen Freunde, Familie und vor allem seine Frau: „Sie hat mich immer motiviert und mir den Rücken gestärkt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, das ist Gold wert“, so Benjamin Wichern.

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern m it seiner Ehefrau
„Meine Frau hat mich immer motiviert und mir den Rücken gestärkt“, sagt der Dachdeckermeister.

Vielseitig und persönlich

„Unser Betrieb ist auf Altbausanierungen spezialisiert. Wir machen alles vom Abriss bis zum kompletten Neuaufbau, von energetischer Dachsanierung, Gaubenverkleidung bis zu Balkonsanierung. Wir müssen also viele verschiedene Materialien kennen, uns jeden Tag Gedanken machen, uns immer wieder neu auf die Situation einstellen. Der Beruf ist so vielseitig, es wird nie langweilig.“

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern auf dem Dach
Der Dachdeckerbetrieb ist auf Altbausanierungen spezialisiert.

Meier Bedachungen ist außerdem zertifizierter Fachbetrieb für Absturzsicherung auf Steil- und Flachdächern – für Benjamin Wichern eine zusätzliche, gern gesehene Ergänzung seines Einsatzbereichs. Ein weiteres Plus am Handwerk: viel frische Luft und persönlicher Kontakt. „Ich mag es, eigene Ideen zu entwickeln, diese Kunden vorzustellen, sie zu beraten und dann die passende Lösung umzusetzen. Man ist den ganzen Tag mit Menschen im Austausch, das gefällt mir.“

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern in seinem Büro
Arbeitet auch im Büro mit Freude und ist für Spaß zu haben: Benjamin Wichert.

Mutig sein und den Quereinstieg wagen

Benjamin Wicherns klare Empfehlung: Wer keine zwei linken Hände, Lust auf Handwerk und Kundenkontakt hat, sollte mutig sein und auch mit 30 oder 40 Jahren den Quereinstieg wagen. „Es macht unglaublich Spaß. Außerdem ist der Verdienst im Dachdeckerhandwerk besser geworden, die körperliche Anstrengung dank Kran und anderen Hilfsmitteln zumindest etwas geringer und Arbeitgeber legen sich ins Zeug für Mitarbeiter.“

So gibt es bei Meier Bedachungen jetzt zum Beispiel für jeden eine Versicherung, die innerhalb eines gewissen Budgets Massagen, Taping, Zahnersatz oder Sehhilfen übernimmt. Darüber hinaus legt der Betrieb Wert auf kurze Anfahrtswege zur Baustelle, Überstunden und Wochenendarbeit gibt es nur im Notfall – und im Sommer ist an Freitagen schon um 11.45 Uhr Feierabend. „Dann hat man noch was vom Wochenende!“

Bild von Dachdecker Benjamin Wichern mit dem Onkel seiner Frau
Wenn alles klappt, übernimmt Benjamin Wichern 2028 den Betrieb von Dieter Meier (rechts).

Betriebsübergabe für 2028 geplant

2028 soll Benjamin Wichern den Betrieb von Dieter Meier übernehmen. Bis dahin fährt er „zweigleisig“, sagt er. Er geht mit auf Baustellen, sammelt Praxiserfahrung, sucht mit den Kollegen nach Lösungen für die kniffligen Fälle. Parallel dazu erledigt er Meistertätigkeiten, fährt also zu den Kunden und übernimmt Büroarbeiten wie Materialbestellungen und das Schreiben von Angeboten und Rechnungen. „Die Betriebsübergabe wird sicher nochmal sportlich, aber ich freue mich auf alles, was da kommt!“

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