Eine echte Rarität: Legschieferdach mit Solnhofener Platten
20. November 2025
Die Arbeitsutensilien sind überschaubar: eine Zwickzange, ein Strohsack und ein Schatten spendender Schirm oder ein kleines Sonnendach. Nötig sind zudem eine größere Menge Solnhofener Kalkplatten gleicher Stärke, ein gutes Auge und Geduld. Denn schnell geht bei einem Legschieferdach nichts. „So sechs bis sieben Quadratmeter am Tag sind zu schaffen“, sagt Roland Laumeyer, der oben auf dem Dach eines kleinen Anwesens sitzt. Mit den gängigen Dachpfannen oder Biberschwänzen wäre die Arbeit in einigen Stunden geschehen, das Dach dicht und der schon pensionierte Dachdecker wieder daheim im (Un-)Ruhestand.
Wenige Dachdecker haben noch das Know-how
Doch der Eichstätter steigt immer wieder hoch, hilft auch als Rentner seinem Chef vor allem bei speziellen Arbeiten. Und dazu gehört das Decken eines Legschieferdachs. Die sind in der Region mittlerweile selten geworden, noch seltener sind Menschen, welche die Solnhofener Platten fachgerecht auf die flachen Dächer von Jurahäusern legen können – und zwar leicht versetzt in vier bis sieben Schichten, damit das Dach dann auch wirklich dicht ist für die nächsten Jahrzehnte.

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Legschieferdach: schwer und aufwendig
„Viele Dächer werden heute nicht mehr mit Solnhofener gedeckt“, blickt Roland Laumeyer zurück. Früher, als der gelernte Bäcker das Dachdecker-Handwerk von seinem Seniorchef beigebracht bekam, waren es noch fünf bis acht Dächer im Jahr. Heute wird ein Neubau nicht mehr mit Solnhofener Platten eingedeckt – zu schwer, zu aufwendig und letztlich zu teuer. Dachpfannen oder Betonziegel in Legschiefergrau sind da eine deutlich günstigere Alternative, die mittlerweile genutzt wird – auch im Denkmalschutz.
Verbreitet im fränkischen Altmühltal
Unter solchem stehen die Legschieferdächer, von denen es zwischen Treuchtlingen, Kelheim und Brunn nahe Regensburg nicht mehr viele gibt. Verbreitet ist die Dachform und Eindeckung der Jurahäuser vor allem in der gleichnamigen Region Solnhofen und im Altmühltal. Dort wurden die Plattenkalke in den Brüchen um Langenaltheim, Solnhofen, Eichstätt, Kelheim, Zandt und Brunn abgebaut und genutzt – die mehrere Zentimeter dicken Steine wurden Mauer, die dünnen Platten kamen aufs Dach.
Kalkplatten werden bis heute von Hand abgebaut
Genutzt wurden die noch heute von Hand abgebauten Kalkplatten nur regional – der jeweilige Steinbruch musste an einem Tag mit dem Pferde- oder Ochsengespann angefahren, die Steine aufgeladen und der Rückweg wieder geschafft werden. Eine Übernachtung mit dem Gespann war nahezu undenkbar, moderne motorbetriebene Transportmittel gab es noch nicht in den früheren Jahrhunderten.

Erstes Legschieferdach wohl Ende des 12. Jahrhunderts gedeckt
Seit wann die Legschieferdächer die frühmittelalterlichen Reet-, Stroh- oder Holzschindel-Eindeckungen ablösten, ist nicht genau bekannt. Archäologische sowie das Holzalter bestimmende Untersuchungen von historischen Häusern weisen weit zurück: Ein Fund in Eichstätt deutet auf das Ende des 12. Jahrhunderts hin, andere Anwesen in Eichstätt und Marienstein wurden Mitte des 14. Jahrhunderts mit den Plattenkalken eingedeckt. Eines der ältesten Legschieferdächer im hiesigen Landkreis – datiert auf 1491 – befindet sich im Treuchtlinger Ortsteil Schambach, in dem es noch einige der historischen Dächer gibt, unter anderem auf dem 2012 aufwendig renovierten Gasthof „Zum güldenen Ritter“.
Mehrere Wochen auf einem Gasthofdach gezwickt
Auch dort saß Roland Laumeyer mit seinen Dachdeckerkollegen aus dem Raum Eichstätt auf dem Strohsack und zwickte die Solnhofener Platten in die passende Form. „In Schambach haben wir mehrere Wochen gebraucht, so groß war das Dach“, erinnert er sich. Ähnlich lang dauerte es, bis die Eichstätter Dachdecker die Burg Dollnstein wieder mit den Platten aus den Mörnsheimer Brüchen als Legschieferdach eingedeckt hatten.

Platten mit der Zwickzange die exakte Form geben
„Das waren schon große Aufträge“, erzählt er, nimmt auf dem kleinen Hausdach die nächste Platte, zeichnet mit einem Hämmerchen oder Nagel an und zwickt die Platte dann mit der ungewöhnlichen und handgeschmiedeten Zange in die exakt passende Form. Zum vorherigen Stein ist kaum ein Millimeter Abstand. Sein geschultes Auge hat die nächste Platte schon erspäht, die gerade Kante kommt nach unten und die Seite wird der gerade verlegten Platte angepasst.

Harnickel aus Fichte geben Halt
Lage für Lage arbeitet sich Roland Laumeyer zum First hinauf, jede Schicht wird um drei bis fünf Zentimeter nach oben versetzt, die Platten überlappen sich dann etwa 15 bis 20 Zentimeter und in mehreren Schichten, die in Summe das Dach dichtmachen. Damit die Platten nicht abrutschen, beträgt die Dachneigung zwischen 28 und 30 Grad, aufgelegt werden die Steine auf sogenannten Harnickeln, die aus geschälten, etwa zehn bis 15 Zentimeter dicken und der Länge nach durchgesägten Fichtenstämmen bestehen.
Holzstämme verhindern das Abrutschen der Platten
Diese Holzstämme werden mit der geraden Seite nach unten und geringem Abstand auf den Dachstuhl genagelt, das Halbrund der Harnickel gibt den Kalksteinen entsprechenden Widerhalt und verhindert so das Abrutschen der schräg liegenden Steine. „Die Platten müssen satt aufliegen, dürfen nicht kippeln“, beschreibt der Dachdecker die geduldraubende Puzzle-Arbeit, während er kleine Kalksteine in die Ritzen und Vertiefungen schiebt, um eine gerade Oberfläche für die nächste Schicht zu bekommen. „Sonst ist das Legschieferdach nicht stabil.“

„Es bleibt immer a wüids Dooch“
Früher, ohne die vom Eichstätter Glasermeister Joseph Weidenhiller (1768-1862) erfundene Zwickzange, wurden die Kalkplatten grob gebrochen und mehr oder weniger exakt verlegt, je nachdem wie gut der jeweilige Dachdecker im „Puzzeln“ war. „Da braucht ma scho Erfahrung, aber es bleibt immer a wüids Dooch“, erklärt Laumeyer im fränkischen Dialekt und meint damit so etwas wie ein wildes Legschieferdach, im Gegensatz zu den exakten Ziegeldächern.
220 Kilogramm Gewicht pro Quadratmeter Legschieferdach
Über 40 Jahre hat er auf den Dächern der Region gearbeitet, viele Legschieferdächer gehen sehen, andere repariert oder denkmalgeschützte Anwesen neu eingedeckt. In der Zeit hat sich die Dachlandschaft im Altmühltal und auf dem Jura völlig gewandelt, nicht nur in den Neubaugebieten, sondern auch in den Ortskernen. Pfannen und Schindeln aus Beton oder Ton sind billiger, der Dachstuhl muss keine 220 Kilogramm pro Quadratmeter Legschieferdach tragen und kann damit auch filigraner und günstiger ausgelegt werden, ganz abgesehen von den Kosten für viele Stunden Plattenzwicken und -legen.
Das hat auch das Arbeiten auf dem Dach verändert, heute kann kaum noch ein jüngerer Berufskollege von Roland Laumeyer ein Legschieferdach decken, die anderen sind meist im Rentenalter über 65. „Also ich kenne noch fünf Leute, die das machen.“ In seiner ehemaligen Firma, in der er noch immer aushilft, ist er der Einzige.
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