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Dachdecker müssen sich um gute Fachkräfte bewerben

2021.04.27 Knut Köstergarten • Lesezeit 4’

Dachdecker bilden wieder mehr aus, dennoch fehlen weiterhin Fachkräfte. Hier berichten ein Geselle und ein Dachdeckermeister von ihren Erfahrungen und Ideen, was es in den Betrieben an Umdenken braucht.

Wer mit gut organisierten Betrieben spricht, hört immer wieder das Gleiche: Es fehlen die Fachkräfte, um die vielen Kundenanfragen annehmen zu können. Die Folge ist, dass fleißig abgesagt werden muss. Wer nachfragt, ob im Betrieb ausgebildet wird, der hört meist zwei verschiedene Antworten. Die eine Fraktion bemängelt, dass sie keine Auszubildenden findet. Es würde sich kein Jugendlicher mehr auf ein Praktikum oder die Lehre bewerben. Das Leitmotiv in Sachen Fachkräfte ist hier eher Resignation.

Bild von angehenden Fachkräfte  bei Klempnerarbeiten

Zusätzliche Praxis, wie hier bei Klempnerarbeiten, ist wichtig für Auszubildende. (Foto ZVDH)

Fachkräfte: Stärken der Lehrlinge gezielt fördern

Zur anderen Fraktion gehört Dachdeckermeister Jan Voges aus Lamspringe, Mitglied bei der Dachdecker-Einkauf Ost eG. „Es muss klar sein, die jungen Leute sind nicht alle doof.“ Für ihn geht es zentral um eine gute Kommunikation, damit sich die verschiedenen Generationen verstehen. „Du darfst nichts voraussetzen und musst als Chef oder Ausbilder Regeln und fachliche Arbeit so erklären, dass sie verstanden werden. Wir planen auch Persönlichkeitstests vor der Anstellung, damit wir die Stärken der Leute finden und zielgerichtet fördern können.“ Voges investiert Zeit und Geld, damit seine Azubis und neuen Mitarbeiter so schnell wie möglich produktiv und selbstständig arbeiten können.

Bild von Jan Voges

Dachdeckermeister Jan Voges fragt seine Mitarbeiter: „Wollt ihr Mittelmaß oder Champions League sein als Dienstleister?” (Foto: Voges)

Digitale Schulungsplattform für die Mitarbeiter

In seinem Betrieb wächst gerade eine digitale Schulungsplattform für  Regeln, die den Rahmen für das gemeinsame Arbeiten bilden. Da geht es vor allem um Sozialkompetenz und den Umgang mit Kunden. „Wollt ihr Mittelmaß oder Champions League sein als Dienstleister? Dann fangen Mitarbeiter an nachzudenken, wie die Wirkung ist, wenn das Firmenfahrzeug sauber ist oder dreckig und voller Bierflaschen“, erläutert Voges. Das Feedback ist super, das die Jungs in ersterem Fall von den Kunden erhalten.

Bild von Voges Team auf der Messe Dach+Holz

Das Team Voges wurde Dritter beim Influencer Award von Creaton, vergeben auf der Messe DACH+HOLZ 2020. (Foto Voges)

Mitarbeiter selbst empfehlen den Betrieb weiter

Sein Betrieb gehört zu denen, die sich um genug gute Fachkräfte nicht sorgen müssen. „Wir haben ein klasse Team mit guter Stimmung. Da brauchst du keine Werbung“, sagt Voges. Seine Mitarbeiter empfehlen den Betrieb bei ihren Kumpeln nach dem Motto „ist cool, hier zu arbeiten“. Viele Dachdecker haben seiner Meinung nach das Thema Ausbildung zu lange verschlafen oder ihre Lehrlinge und Fachkräfte wenig wertschätzend behandelt.

Bild von Azubis

Ein Steilwand-Modell zum Üben: In einigen Betrieben können die Azubis hier Praxistraining machen. (Foto: ZVDH)

Da braucht es Zeit, das Vertrauen bei den jungen Menschen wieder aufzubauen. „Das geht nur, wenn es echt ist“, sagt Voges. Ein positives Beispiel ist für ihn der Zimmerer Eugen Penner aus Bielefeld mit seinem ZEP-Team. Dort steht jeder einzelne Mitarbeiter im Fokus des Chefs und Wertschätzung ist gelebte Praxis. Nach Tarif wird sowieso bezahlt und viele kleine Extras kommen hinzu.

Fachkräfte: Wir haben heute einen Bewerbermarkt

Anders geht es kaum mehr, denn heute und in Zukunft wird das Dachhandwerk eine Branche sein, die sich um Azubis und Fachkräfte bewerben muss. Und wer da noch glaubt, er kann in Sachen Bezahlung und Umgang mit seinen Mitarbeitern so weitermachen wie vor 15 Jahren, der wird kein Personal mehr finden und gute Leute schon gar nicht. 2006 war es noch anders, da konnten sich die Betriebe die Mitarbeiter aussuchen.

Bild von Dachdecker auf Baustelle

Spaß bei der Arbeit gehört dazu im Team Voges. (Foto Voges)

Patrick Bach ist Dachdeckergeselle im Raum Wuppertal und er hat am eigenen Leib auf fast zehn Stationen erlebt, was das heißt. Stellte er Fragen nach mehr Lohn und bezahlter Arbeitskleidung und war er krank oder wollte er weniger Überstunden machen, dann war die Antwort: Kündigung. Tariflohn gab es nur selten, Schlechtwettergeld im Winter mit den entsprechenden Abzügen hingegen oft.

Bild von Patrick Bach

Dachdeckergeselle Patrick Bach hat viele Betriebe von innen gesehen und endlich den passenden gefunden. (Foto: Grube-Neumann)

Dachdecker startete aus Frust zweite Lehre als Tischler

Irgendwann hatte Bach die Nase voll. „Ich habe eine zweite Ausbildung zum Tischler gemacht und auch gerne in einem Betrieb gearbeitet, der exklusivere Aufträge ausgeführt hat.“ Doch dann wendete sich nach über zehn Jahren das Blatt für ihn noch einmal. „Die Brüder Robert und Karsten Neumann hatten sich 2015 in Schwelm als Dachdecker und Zimmerer selbstständig gemacht. Wir kannten uns von früheren Stationen und dann lebte der Kontakt wieder auf“, erinnert sich Bach. Tischler war er zwar auch gerne, „aber ich bin irgendwie doch mehr Dachdecker, will draußen etwas schaffen mit meinen Händen.“ Auch das Gehalt machte einen Unterschied, denn „als Dachdecker sind es rund 600 Euro mehr“.

Leistung fordern und Mitarbeiter unterstützen

Vor allem aber erlebte Bach im Betrieb der Brüder Neumann etwas, was er als Dachdecker noch gar nicht kannte. „Leistung wird gefordert, aber es gibt auch Unterstützung. Das Engagement wird einem gedankt“, sagt Bach. Es gibt jetzt Tariflohn und Arbeitskleidung wird gestellt. Und die Brüder sagten zu ihm: „Es gefällt uns gut, wie du mit den Azubis umgehst. Du hast Spaß daran, wir bauen das aus.“ Bach hat Chefs, die ihren Leuten etwas zutrauen. Die wollen, dass ihre Mitarbeiter selbstständig Aufgaben übernehmen.

Bild von Team Neumann

Ein guter Teamgeist herrscht beim Betrieb Gebrüder Neumann im Schwelm. (Foto: Grube-Neumann)

Geselle kann den Ausbilderschein machen

Bach konnte jetzt seinen Ausbilderschein machen. „Und ich übe samstags mit unserem Lehrling, weil es Spaß macht.“ Der Spaß an der Arbeit ist zurück. „Ich gehe jeden Morgen gerne hin, nach der Arbeit sitzen wir oft noch zusammen und quatschen.“ Neun gewerbliche Mitarbeiter haben die Brüder Neumann inzwischen, auch eine Bürokraft soll hinzukommen. Bach rät allen Gesellen, „sich solche jungen, guten Betriebe zu suchen“. Der Wind hat sich gedreht, Dachdecker können sich inzwischen aussuchen, wo sie arbeiten wollen.

„Auch aus diesem Grund werde das Miteinander der Betriebe immer wichtiger“, meint Jan Voges. „Es ist viel zu viel Arbeit im Markt. Wir sollten uns nicht bekämpfen, sondern kooperieren. In unserer Region gibt es Stundenverrechnungssätze von 40 bis 70 Euro. Besser wäre es, gemeinsame Standards festzulegen für die Kalkulation, meint Voges.

Bild von Initiatoren des Dachdecker-Campus

Dachdecker-Campus in Bremen: Die fünf Initiatoren wollen den Dachdecker-Campus schrittweise weiterentwickeln. (Foto: Höpken)

Alternative für kleinere Betriebe: Ausbildungsnetzwerke

Auch regionale Netzwerke für eine gemeinsame Ausbildung machen aus seiner Sicht Sinn. „Da hat ein Chef fünf Leute, steht selbst mit auf dem Dach, macht das Büro und betreut die Kunden. Wie soll der sich allein vernünftig um einen Azubi kümmern?“ Die Alternative wäre, dass fünf kleinere Betriebe gemeinsam ausbilden. „Jeder gibt seine Kompetenzen mit rein, der Dachdecker-Einkauf stellt eine Werkhalle und Material für die extra Praxistage zur Verfügung“, sagt Voges. In Bremen gibt es bereits einen solchen Dachdecker-Campus. Wer den Anschluss in Sachen Fachkräfte nicht verlieren will, sollte unbedingt neue Wege ausprobieren.

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