Andy Hüller – Dachreparaturen mit Seiltechnik statt Gerüst
15. Januar 2026
Mit dem Seil gesichert, die Füße auf jahrzehntealter Biberschwanz-Deckung, unter sich zwanzig Meter Tiefe – für Andy Hüller ist das kein Adrenalinkick, sondern ganz gewöhnlicher Alltag. Der 20-Jährige ist nicht nur jüngster Dachdeckermeister Sachsens, sondern steht auch für eine besondere Form des Arbeitens: Dacharbeiten ohne Gerüst, dafür mit alpiner Seiltechnik, präziser Planung und viel Erfahrung aus dem Bergsport.
Er war bereits mit 19 Jahren Zimmerermeister. Lest hier unser Portrait des jungen Chefs Aaron Wilhelmi.
Die „Dachsteiger Dresden“
Was für viele Dachdecker ungewohnt oder gar riskant erscheint, ist für Hüller und das Team der DiBaB GmbH – die „Dachsteiger Dresden“ – seit Jahrzehnten Teil der Firmen-DNA. Denn das Unternehmen, in dem er heute Verantwortung übernimmt, wurde bereits 1983 von Bergsteigern gegründet – lange bevor Seiltechnik im Bauhandwerk überhaupt diskutiert wurde. Und wenn es heute diskutiert wird, sind meistens die Dachsteiger der Anlass.

Dächer reparieren ohne Gerüst
Wer sich mit dem Thema befasst, wird aber sehr schnell um eine Frage nicht herumkommen: „Warum werden Dächer eigentlich nicht schon immer so repariert?“ Es ist doch so unglaublich naheliegend. Dachdecken, Klettern, Sichern, Vertrauen ins Material und in den Partner: Das war von Anfang an mehr als nur ein Werkzeug für die Hüllers und ihre Mitarbeiter im Team. Es war die Haltung, mir der Papa André Hüller das Dachdeckerunternehmen aufgebaut hat. Während andere noch das Gerüst stellen, hat das Team von DiBaB schon die Baustelle geräumt und ist auf dem Weg zum nächsten Auftrag.
Im Betrieb wird Familie gelebt mit dem Team
Andy Hüller ist in diesen Betrieb, Kunde der Dachdecker-Einkauf Ost eG, hineingewachsen. Auf dem Firmengrundstück, umgeben von Werkzeugen, Seilen und Kollegen, die hier eher Familienmitglieder als Angestellte sind. Menschen, die sich gegenseitig ihr Leben anvertrauen, funktionieren auch als Team völlig anders. Das spürt sofort, wer sich mit den Dachsteigern beschäftigt. Schon früh lernte Andy Hüller das Dach nicht nur als Arbeitsplatz kennen, sondern als Ort, an dem Können, Verantwortung und Teamarbeit gefragt sind. Dass er später Dachdeckermeister werden würde, entschied sich erstaunlich früh. Bereits in der siebten Klasse legte Andy Hüller gemeinsam mit seinen Eltern den beruflichen Kurs fest – bewusst, zielstrebig und ohne Umwege.

Jüngster Handwerksmeister in Dresden
Die Idee mit dem Abi war schnell passé. Nach einem sehr guten Realschulabschluss folgte die Ausbildung bei einem Dresdner Innungsbetrieb. Anschließend ging es direkt in den Meisterkurs. Mit 20 Jahren schloss Hüller diesen als einer der Besten seines Jahrgangs ab und wurde damit zum jüngsten Handwerksmeister Dresdens. Eine Leistung, die weniger mit Ehrgeiz als mit einem klaren Ziel zu tun hat: „Ich wollte nicht einer von vielen sein, sondern etwas wirklich können“, erläutert Andy Hüller. Jüngst berichtete sogar der MDR in einem TV-Beitrag über ihn.
Dacharbeit mit geprüfter Seilsicherung bietet viele Vorteile
Das Besondere am Betrieb ist nicht der Mut, sondern die Methode. Gearbeitet wird überwiegend ohne Gerüst, stattdessen mit geprüfter Seilsicherung, klar definierten Anschlagpunkten und detaillierter Einsatzplanung. Die Vorteile liegen auf der Hand: geringere Kosten für den Kunden, schnelle Einsatzfähigkeit, weniger Eingriffe in die Bausubstanz – und vor allem Effizienz bei Reparaturen, Wartungen und Notdiensten.

Sich wie eine Katze auf dem Dach bewegen
Gerade bei älteren Dächern mit brüchigen Ziegeln spielen die bewegungserfahrenen Bergsteiger ihre Stärke aus. „Man bewegt sich anders, vorsichtiger, flüssiger – eher wie eine Katze auf dem Dach“, beschreibt Andy Hüller. Hinzu kommt die eingesparte Zeit für Gerüstbau oder Hebebühnen, die bei kleineren Aufträgen oft unverhältnismäßig teuer wären.
Arbeiten in 25 Meter Höhe in einer Gefrierhalle
Die Bandbreite der Arbeiten reicht von klassischen Dachreparaturen über Sturmschäden und Notabdichtungen bis hin zu Fassadenarbeiten, Glasreinigung an komplexen Gebäuden oder Einsätzen unter extremen Bedingungen. So berichtet Hüller von Arbeiten in einer Gefrierhalle bei minus 25 Grad und in 25 Metern Höhe, wo Eiszapfen entfernt und Undichtigkeiten beseitigt werden mussten – Aufgaben, die kaum ein anderer Betrieb übernimmt. Und wenn, gewiss nicht ohne Gerüst.

Spezialist statt Allrounder
Große Neueindeckungen überlässt die Firma bewusst anderen Betrieben. Stattdessen liegt der Fokus auf anspruchsvollen, oft zeitkritischen Einsätzen, bei denen Erfahrung, Flexibilität und Seiltechnik den Unterschied machen. In der Region arbeitet man deswegen eng mit klassischen Dachdeckerbetrieben zusammen: Wo Seilarbeit sinnvoll ist, kommt Hüllers Team zum Einsatz, und wo eine komplette Neueindeckung gefordert und ein Gerüst wirtschaftlicher ist, wird weiterempfohlen. Sind die Kunden mehr erstaunt oder freuen sie sich über niedrigere Preise. „Es beeindruckt die meisten, wenn wir mit der Seilsicherung anfangen. Wenn’s dann noch billiger geht, wunderbar“, schildert Andy Hüller seine Erfahrungen.
Gesucht: Bergsteiger mit handwerklichem Geschick
Die Haltung der Dachsteiger prägt auch den Umgang mit Fachkräften. Wer die Stellenangebote auf der Firmen-Webseite anschaut, bemerkt schnell den Unterschied. Gesucht werden nicht nur Dachdecker. Es sollen Bergsteiger sein mit handwerklichem Anspruch, idealerweise mit Höhenarbeiterschein und gerne Meisterqualifikation. Gleichzeitig zeigt sich Hüller offen für junge Menschen, die das Klettern beherrschen und das Handwerk lernen wollen. Ausbildung versteht er als Entwicklung, nicht als Auswahlfilter. „Nicht jeder Dachdecker ist auch Bergsteiger, aber Bergsteiger, die auch Dachdecker sind, freuen sich über solche Jobangebote, weil sie dann – wie wir – Hobby und Beruf verbinden können“, so Andy Hüller. Apropos Hobby: Gibt es bei Andy Hüller noch? „Ja, Tischtennis. Das ist Ausgleich und schult Achtsamkeit und Reaktionsvermögen. Beides brauchen wir!“

Handwerk mit Haltung
Für Andy Hüller ist Handwerk also mehr als ein Beruf. Es ist Berufung, tägliches Erfolgserlebnis und sinnstiftende Arbeit. Und es bewahrt stets das Abenteuerliche. Am Ende eines jeden Tages sieht er, was er geschaffen hat, und weiß, warum er morgens früh aufgestanden ist. Diese Haltung beeinflusst auch seine Sicht auf die Zukunft des Handwerks: Spezialisierung, Qualität, Kooperation statt Konkurrenz und der Mut, eigene Wege zu gehen, stehen für ihn im Fokus.
Nicht Nervenkitzel, sondern das saubere Ergebnis zählt
Dass sein Arbeitsalltag für Außenstehende spektakulär wirkt, nimmt er gelassen. Für ihn zählt nicht der Nervenkitzel, sondern das saubere Ergebnis. Oder, wie Andy Hüller es formuliert: „Wir machen nichts Verrücktes. Wir machen das, was wir können – nur eben anders.“ Aber was sagt eigentlich die Berufsgenossenschaft? Gar nichts. Es ist ja sicher. Auch andere Berufe, wie etwa Elektriker auf Windrädern, arbeiten mit Seilsicherung. Das Risiko ist eigentlich eher geringer als ohne Sicherung.
Spenglermeister und Bergsteiger Hermann Loderer arbeitete 17 Jahre auf abenteuerliche Weise auf Dächern und Türmen von Schloss Neuschwanstein

Keine Angst vor Abstürzen
Trotzdem mal Angst vor dem Abstürzen? „Also wir seilen uns auch regelmäßig über die Dachrinnen ab und führen dann frei hängende Arbeiten an der Fassade durch“, erklärt Andy Hüller. „Bei der Arbeit haben wir aber gar kein Sturzrisiko, weil wir das Sicherungsseil immer über uns befestigen.“ Und beim Klettern in den Bergen? „Nein, beim Klettern ist sogar im Vorstieg ein Sturz ins Seil kein Problem, weil wir das regelmäßig üben und das Seil immer hält!“, so Andy Hüller. Aus diesen Worten spricht der Verstand und zugleich tiefes Urvertrauen.
Seilklettern als gute Gesundheitsvorsorge
Aber wie ist das mit dem Arbeiten bis zur Rente? Andy Hüller ist davon überzeugt, dass seine Art zu arbeiten in Sachen Bewegung auch die beste Gesundheitsvorsorge ist. Klar werde es mit zunehmendem Alter immer etwas schwerer. Doch zumindest ist er alles andere als zimperlich: „Dachdecker sind schon allwettertauglich und resistenter gegen Krankheiten. Bergsteiger sind noch mal besonders wetterfest. Im Berg können wir uns Empfindlichkeit nicht leisten.“ Eine gute Voraussetzung für ein langes, abwechslungsreiches und erfülltes Berufsleben!
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