Johannes Heine: Dachdeckermeister und Buchautor
26. Dezember 2024
Wenn der Chef schwer erkrankt, wackelt im Unternehmen die Wand – so auch 2006 bei der Johannes Heine GmbH, Mitglied der Dachdecker-Einkauf Ost eG. Wie den Betrieb organisieren und gleichzeitig wieder gesund werden? Chef und Betriebsinhaber Heine, damals 52, beginnt in dieser Situation Tagebuch zu schreiben. Als alles überstanden ist, soll seine Erfahrung anderen helfen. 2019 veröffentlicht Johannes Heine das Buch „Ein Mann steigt seinem Krebs aufs Dach. Ein Mutmach-Tagebuch.“ Auf der Leipziger Buchmesse 2023 präsentiert das Naturtalent sein zweites Werk: „Ich und die DDR. Hannes – das Buch.“ Werk Nummer drei ist in Arbeit. Wer sich ein signiertes Buch oder eine Lesung wünscht, wendet sich am besten direkt per Mail an Johannes Heine.
Auf schnelles Wachstum folgt der Kampf ums Überleben
Seit der Lehre arbeitet er bei der Cottbusser „Produktionsgenossenschaft des Handwerks“. Doch als junger Dachdeckermeister hat der gebürtige Cottbusser Johannes Heine einen Traum: die eigene Firma! 1988 übernimmt er einen kleinen Betrieb in Grimma bei Leipzig. Die Wiedervereinigung 1990 und der Nachholbedarf im Osten machen schnell eine Vergrößerung möglich. 1997, die Johannes Heine GmbH hat 30 Mitarbeiter, wird die Eigenheimzulage abgeschafft. Aufträge bleiben aus, der Betrieb gerät in schwieriges Fahrwasser. Bis 2006 muss Unternehmer Heine schweren Herzens zwei Mal jeweils zehn Mitarbeiter entlassen.

Tagebuch schreiben zum Verarbeiten der Krebserkrankung
Als der Betrieb konsolidiert ist, erfährt er von seinem Krebs und stellt sofort eine Verbindung zu den Jahren im Dauerstress her. In dieser Situation beginnt Johannes Heine, Vater von fünf Kindern, abends Tagebuch zu schreiben. Er schreibt, um sich zurechtzufinden, Ordnung in das Chaos zu bringen, Termine und medizinische Begriffe festzuhalten. Er schreibt über Angst, Verzweiflung und Hoffnung. Dabei entdeckt Heine die therapeutische Wirkung des Schreibens. „Man kann mit einer Krebsdiagnose ja eigentlich nicht gut schlafen“, berichtet Johannes Heine. „Das Schreiben half mir aber, die Ereignisse so weit zu verarbeiten, dass ich schlafen konnte.“
Tacheles reden ohne Floskeln
Johannes Heine schreibt direkt und ungeschützt, für sich. Am Beginn der Chemotherapie notiert er: „So mein Krebs, heute bekommst Du auf die Fresse.“Während wohlmeinende Menschen, die selbst nie Krebs hatten, ihm Dinge sagen wie ‚Das wird schon wieder!‘, weiß Johannes Heine bald aus intimer Erfahrung: „Das wird nicht wieder. Nur die, die da durch gegangen sind, wissen das und auch, dass nachher nichts mehr so ist wie vorher. Der Krebs räumt mit den Floskeln auf. Wenn man Krebs hat, fängt man an, Tacheles zu reden.“

Sein persönlicher Blog erhält positive Resonanz
Weil seine Frau so oft nach seinem Befinden gefragt wird, will Johannes Heine sie entlasten. Sein Sohn Felix richtet ihm im Netz einen Blog ein. Hier schreibt der Dachspezialist nun resümierender, aber immer noch offen über seine „ganz persönliche Baustelle“. Die vielfältige, positive Resonanz überrascht Johannes Heine: „Ich bekam viele Rückmeldungen von Leuten, die das selbst schon erlebt hatten oder mittendrin waren im Kampf um das Leben. Es waren ausnahmslos unterstützende Kommentare, eine tolle Erfahrung.“
Ehefrau und Sohn halten den Betrieb am Laufen
Der erste Schritt zur Genesung ist: Verantwortung und Kontrolle abgeben. „Eine Freundin, die selbst eine Krebserkrankung überlebt hat, riet mir: ‚Lass alles los, sonst schaffst du das nicht. Für das, was dir bevorsteht, brauchst du deine ganze Kraft.‘“, erinnert sich Johannes Heine. Ehefrau Maria Heine, langjährige Büroleiterin, Sohn Tobias, damals Klempner, sowie ein angestellter Dachdeckermeister halten den Betrieb am Laufen. Auf die Chemotherapie folgt eine extrem schwere Operation. Fünf Tage liegt Heine danach in künstlichem Koma. Stark geschwächt kommt er in die Reha.

Die Grenzen akzeptieren
Der zuvor so umtriebige Unternehmer sieht jetzt das Positive an den Grenzen, die ihm das Leben schon vor der Krebsdiagnose aufzeigte. In den 90er Jahren hatte er noch eine Baufirma gegründet, eine Klempnerei war in Planung. Eine Zimmerei sollte das Ganze später zu einem großen Familienunternehmen abrunden. Manche seiner Kinder hatte Heine mit eingeplant. Doch Sohn Felix stellte sich quer. Unter keinen Umständen wollte er im Unternehmen des Vaters arbeiten. „Das war damals schmerzhaft“, erinnert sich Johannes Heine. „Heute weiß ich genau, man muss den Kindern ihren Weg lassen.“ Zusätzlich hatte die wirtschaftliche Entwicklung ihn gezwungen, den Betrieb zu verkleinern. Zum Glück, denn „nach der Reha war ich wie ausgewechselt. Ich hatte keine richtige Lust mehr, mich im Betrieb zu engagieren. Ich schaute eher so vorbei.“
Den Betrieb krisenfest machen und übergeben
Dann aber kommt der angestellte Meister mit hohen Entzündungswerten ins Krankenhaus. „Das war der entscheidende Tritt in den Hintern. Nach einer Woche Schimpfen wie ein Rohrspatz war ich wieder an Bord.“ Die Mission des Unternehmers ist nun: Krisenfestigkeit und Schuldenfreiheit. „Keine Bank, keine Wirtschaftskrise sollte mich mehr in Angst und Schrecken versetzen können“, erläutert Johannes Heine. Nach Jahren genauer Planung übergibt er 2019 einen qualitätsgeprüften, gesunden und robusten 100 TOP-Dachdecker–Betrieb an Sohn Tobias, der inzwischen Dachdecker- und Klempnermeister ist.

Auch Bücher schreiben will gelernt sein
Zwei Jahre dauert es von der Diagnose bis zu dem Moment, in dem Johannes Heine sich sagen kann: „Hier kommst du lebend raus.“ Erst da denkt er an ein Buch. Zehn Jahre versucht er sich daran, vergeblich. „Ich wusste, wie man Dächer deckt, aber nicht, wie man Bücher schreibt.“ Dann trifft er Martina Rellin, Autorin von Bestsellern wie „Klar bin ich eine Ost-Frau!“ und ehemalige Chefredakteurin der Ost-Zeitschrift „Das Magazin“. Rellin hat einen kleinen Verlag und eine Schreibwerkstatt gegründet und leitet Schreibgruppen an, auch in Grimma. Ihr zeigt Johannes Heine ein auf dem Blog basierendes Manuskript und auch sein Tagebuch. Rellin erkennt sofort dessen Qualität. Gemeinsam mit Heine macht sie aus 1000 Seiten Tagebuch das 300-seitige Mutmach-Buch.

Veröffentlichung zur Corona-Zeit
Das Buch bekommt eine tolle Presse, doch die Leipziger Buchmesse 2020 wird wegen Corona abgesagt, Live-Lesungen sind lange nicht möglich. „Mit dem Krebsbuch sind wir zu Beginn elendig gestrandet“, resümiert Johannes Heine trocken. Doch wenn er heute öffentlich aus dem Buch liest, in Reha-Kliniken, bei Selbsthilfegruppen, gelingt dem Autor das, was er sich erhofft hat. Betroffenen Mut zu machen und Anregung zu geben für den eigenen Weg zur Genesung. Offenheit und Humor des Autors ermöglichen tiefe Gespräche mit dem Publikum, manchmal auch nachher, unter vier Augen. „Wir gehen dann auch mal ans Eingemachte.“

Das zweite Buch aus Spaß an der Freude
In Martina Rellins Schreibwerkstatt entdeckt Johannes Heine das Schreiben noch mal ganz neu. „Sie hat uns einen Satz gegeben und wir alle haben in 45 Minuten von da aus eine Geschichte geschrieben. Das hat so viel Spaß gemacht!“ Aus „Spaß an der Freude“ schreibt er nun über sein Leben in der DDR, die seine elf Enkelkinder nicht kennengelernt haben und über die sie so wenig in der Schule erfahren.

Ein Leben in der DDR
Johannes Heine schreibt über seine Prägung in einer katholischen Familie und wie ihn das in der Schule zum Außenseiter macht. Er erzählt von seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee, von Schwarzarbeit nach Feierabend, von Westkontakten und der Stasi. Er würzt seine Erinnerung mit Humor und gibt noch etwas historische Fakten hinzu. Unter dem Lektorat von Martina Rellin wird daraus: „Ich und die DDR. Hannes – Das Buch“. Der Buchstart auf der Leipziger Buchmesse 2023 ist ein Erfolg.
Hobbymusikant bei den „Grimmaschen Schmerzbuben“
Heute ist Johannes Heine Rentner. Er hat mit Unterstützung seiner Frau gelernt, dass die „Tür zum Hamsterrad“ auch nach dem Krebs noch offensteht und wie er es lassen kann, sich wieder Stress zu organisieren. So hat er sich nach 25 Jahren im Stadtrat von Grimma 2024 nicht mehr zur Wahl gestellt. Er macht jetzt Musik mit den „Grimmaschen Schmerzbuben“, einer, was schiefe Töne angeht, furchtlosen Truppe von Hobbymusikanten. Mit seiner alten Schreibgruppe trifft er sich regelmäßig. Mit seiner Verlegerin und auch allein reist er zu Lesungen. Und in der Zeit, die seine Enkelkinder ihm lassen, schreibt er am nächsten Buch: Wie war das eigentlich, damals, als aus zwei Deutschlands eins wurde?

Bücher von Johannes Heine
„Ein Mann steigt seinem Krebs aufs Dach. Das Mutmach-Tagebuch”, 380 S., 18 €, Rellin Verlag, ISBN 978-3981479812
„Ich und die DDR”, 202 Seiten, 14 €, Rellin Verlag, ISBN 978-3981479843
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