KI-Assistent BauNXT: Fachregel-Google für Dachdecker auf Baustellen
20. Januar 2026
Wenn Künstliche Intelligenz (KI) praktischen Nutzen bietet, ist sie auch interessant für das Handwerk, so wie „BauNXT“ für Dachhandwerker. In diesem vom Land Baden-Württemberg geförderten Projekt entwickeln die Kreishandwerkerschaft Ravensburg und ExpertInnen der aconium GmbH aus Berlin in Zusammenarbeit mit dem KI-Unternehmen embraceable Technology GmbH einen KI-Assistenten, der die Arbeit auf dem Dach erleichtern soll. Aktuell wird BauNXT bereits von Mike Schilling und weiteren DachdeckermeisterInnen auf Baustellen intensiv getestet. Der KI-Assistent soll zukünftig anhand von Schadensfotos, den Fachregeln entsprechende und praxistaugliche Lösungen vorschlagen, in Sekundenschnelle natürlich.
„Ohne KI wird es nicht mehr gehen“
„Regelwerke, Normen und Vorschriften fürs Dachhandwerk umfassen derzeit etwa 1600 Seiten, und es werden ständig mehr. Denn all diese Werke müssen laufend aktualisiert und an neue Gesetze, neue Erkenntnisse zu Materialien oder veränderte Umweltbedingungen angepasst werden“, erklärt Florian Jentsch, Leiter des aconium Regionalbüros für Baden-Württemberg und Projektleiter für BauNXT, der zuvor als Geschäftsführer des dortigen Landesinnungsverbands der Dachdecker tätig war. Diese stetig wachsende Komplexität in Kombination mit dem Mangel an Fachkräften, erfahrenen Handwerkern, die in Rente gehen und unerfahrenen Auszubildenden, mache deutlich, weshalb es ein Projekt wie BauNXT brauche: „Die Gemengelage zeigt: Ohne KI wird es nicht mehr gehen.“

Wir stellen mit Angebot und Kalkulation sowie Baustellenverwaltung zwei Einsatzbereiche für KI im Betrieb Over-Dach vor.
Viele Betriebe sind unsicher im Umgang mit dem Regelwerk
Bei einer Befragung in der Vorbereitung auf BauNXT habe man zudem herausgefunden, dass sich nur rund 20 Prozent der befragten Betriebe im Umgang mit dem Regelwerk sicher fühlen. „Die große Mehrheit ist also unsicher, wann welche Regel zu befolgen ist oder wo sich welche Vorschrift findet. Das verdeutlicht ziemlich eindrücklich den akuten Bedarf an einer für alle nutzbaren, einfachen und schnellen Lösung“, erklärt Florian Jentsch.
Ganz ähnlich sieht das auch Mike Schilling, Dachdeckermeister aus Grünkraut bei Ravensburg und ehemaliger Vizepräsident des ZVDH. „Nach meiner Erfahrung bildet sich die Mehrheit der Dachdecker nach Ende ihrer Ausbildungszeit nicht mehr weiter und kennt die aktuellsten Regelungen schlicht und einfach gar nicht“, erklärt er. „Und das ist ja auch keine Kleinigkeit, das aktuelle Regelwerk umfasst mehrere dicke Leitzordner. Wie soll die jemand alle im Kopf haben?“ Für ihn war daher klar: Eine digitale Lösung muss her. „Es ist nun mal die ureigene Aufgabe der Digitalisierung, Informationen in Echtzeit zu liefern. Das hat Firmen wie Google und Co. reich gemacht! Also warum sollte das Dachhandwerk hier keine eigene Lösung bekommen, die die Arbeit mit dem immer größer werdenden, aber unerlässlichen Regelwerk vereinfacht? Ich möchte gerne alle diese Leitzordner auf meinem Handy haben!“

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Die Idee von BauNXT: Google für Dachdecker
Mike Schillings Idealvorstellung ist: „Wir bauen ein Google für Dachdecker. Darin finden sie alle Informationen, die sie brauchen, in Echtzeit, verifiziert und immer aktuell.“ Der KI-Assistent soll in diesem Idealbild Fragen direkt beantworten und Lösungen vorschlagen. Auch Schulungen könnte Schilling sich auf diesem digitalen Wege gut vorstellen. Immerhin kosten diese jede Menge Zeit und auch das dort vermittelte Wissen überhole sich schnell. „Und im Gegensatz zu einer langweiligen Schulung macht die Nutzung unseres KI-Assistenten auch noch richtig Spaß. So vermitteln wir mehr Spaß bei der Arbeit und mehr Kompetenz den Kunden oder dem Architekten gegenüber. Eine absolute Win-Win-Situation“, findet der Inhaber der Gabur GmbH, Mitglied der Dachdecker-Einkauf Süd eG.

KI muss erst lernen, ehe sie schlau wird
Der Weg zu dieser Lösung ist allerdings nicht ganz so einfach, wie er auf den ersten Blick scheint. Denn bevor die KI so schlau ist, dass sie beispielsweise einen Schaden auf einem Foto erkennt und die richtige Lösung vorschlagen kann, muss sie zunächst eine Menge lernen. „Wir haben darum zu Beginn des Projekts BauNXT Interviews mit DachdeckerInnen geführt, um herauszufinden, was sie von der KI erwarten für die Nutzung auf Baustellen. Dann haben wir angefangen, an der Bilderkennung zu tüfteln. Dazu mussten wir zunächst definieren, welche Informationen wichtig sind, damit ein Schaden überhaupt zuverlässig erkannt werden kann“, erklärt Florian Jentsch.

Derzeit wird der Prototyp von BauNXT auf Baustellen getestet
Den Prototypen der BauNXT-KI testen derzeit Mike Schilling und weitere DachdeckermeisterInnen bei ihrer täglichen Arbeit. Die Erkenntnisse daraus fließen direkt wieder in die Entwicklungsarbeit ein. „Wir wollen ja nicht nur eine Bilderkennung, die Lösungen vorschlägt, sondern auch einen Assistenten, der frühzeitig Fehler bei der Planung oder Ausführung erkennt und einen intelligenten Workflow ermöglicht“, so Florian Jentsch. Darum wird die KI im Praxistest von Mike Schilling und KollegInnen auf Herz und Nieren (und Hirn) geprüft. „Wir stellen ihr auf der Baustelle Fragen und überprüfen dann selbst die Antworten: Sind die richtig? Kann mir die KI sagen, wo genau im Regelwerk diese Antwort zu finden ist? Aber auch: Ist die Handhabung praktikabel? Ich habe ja auf der Baustelle keine Zeit für stundenlange Vorträge, sondern brauche eine schnelle und präzise Antwort“, erläutert Mike Schilling.
KI-Assistent befähigt gute Dachhandwerker und stärkt ihre Kompetenz
Ob der KI-Assistent ein Erfolg wird, hängt nach Einschätzung von Florian Jentsch wesentlich davon ab, wie die einzelnen Betriebe arbeiten und geführt werden. „Gerade ältere KollegInnen tun sich vielleicht eher schwer mit so einem digitalen Werkzeug. Wenn aber die Führungskraft im Betrieb vorlebt, dass digitale Technik eine echte Erleichterung im Arbeitsalltag ist, glaube ich fest daran, dass sich das durchsetzen wird. Und wie gesagt: Ohne KI geht es einfach nicht mehr.“ Er sieht noch einen weiteren Vorteil des KI-Assistenten fürs Dachhandwerk: „Wir stärken damit gute HandwerkerInnen, weil wir sie in die Lage versetzen, auf Augenhöhe mit Kunden, Fachplanern, Ingenieuren oder Architekten zu sprechen. Wir befähigen sie also, noch kompetenter aufzutreten und so Billiganbietern oder gar Dachhaien von vornherein das Wasser abzugraben.“

BauNXT ab Ostern live – und wie es weitergeht
Noch bis Weihnachten wird BauNXT auf diese Weise erprobt. Je nachdem, wie viel anschließend nachzubessern ist, kann der KI-Assistent voraussichtlich bis Ostern 2026 den Mitgliedsbetrieben der Kreishandwerkerschaft zur Verfügung gestellt werden, berichtet Mike Schilling. Offen ist dabei allerdings noch, wie es mit dem Projekt weitergeht. Er und Florian Jentsch sind jedoch zuversichtlich, weitere Anwendungsbereiche und Möglichkeiten zu finden, um den KI-Assistenten weiter zu entwickeln: „Unser Ziel ist, BauNXT als starkes Werkzeug für das Dachdeckerhandwerk zu etablieren“, sagt Florian Jentsch. „Perspektivisch sehen wir aber auch Potenzial in anderen Gewerken, denn viele stehen vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie das Dachhandwerk.“ Anstelle einer klassischen Vermarktung geht es bei BauNXT damit vor allem um den gemeinsamen Aufbau einer zukunftsfähigen Infrastruktur für das Bau- und Ausbauhandwerk – mit Modellcharakter weit über das Dach hinaus.
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