Jung-Gesellin Michelle Dietrich: Berufseinstieg als Jahrgangsbeste
2. Januar 2026
Sie ist ein ziemlich ehrgeiziger Typ: Das sagt Michelle Dietrich über sich selbst. Und so passt es ins Bild, dass die 19-Jährige ihre Gesellenprüfung bei der Dachdecker-Innung Bremen kürzlich als Jahrgangsbeste abgelegt hat. Ihren Ausbildungsbetrieb Friedrich Schmidt Bedachungs GmbH freut das – ebenso wie ihr Vorhaben, beizeiten auch den Meistertitel ins Visier nehmen zu wollen.
Im Hintergrund das Weserstadion
Der Ort, an dem Michelle Dietrich an diesem Tag im Einsatz ist, dürfte vielen Bremerinnen und Bremern ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Hier oben auf dem Dach ist die Aussicht eine ganz besondere. Der Blick fällt direkt auf die charakteristischen Flutlichtmasten des Weserstadions, die sich im Hintergrund vor dem Himmel abzeichnen. Das nimmt die 19-Jährige allerdings kaum wahr, denn erstens ist sie auf ihre Arbeit konzentriert – und zweitens schlägt ihr Herz für keinen bestimmten Verein, noch nicht einmal für Werder Bremen. Und das, obwohl sie in der Stadt geboren ist und bis vor Kurzem selbst noch Fußball gespielt hat. „Das ist der einzige Fehler, den Michelle hat“, sagt ihre Chefin und Dachdeckermeisterin Katrin Detring-Pomplun und lacht.

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Von Anfang an überzeugend
Abgesehen von dieser kleinen „Schwäche“ gibt es allerdings keinen Grund zum Klagen, ganz im Gegenteil. Mit ihrer Ex-Auszubildenden und jetzigen Gesellin habe sie großes Glück gehabt, betont die Inhaberin von Schmidt Bedachungen. „Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sie Prüfungsbeste geworden ist, aber überrascht hat mich das eigentlich nicht. Das hatte sich vorher schon so herauskristallisiert.“ Michelle Dietrich habe von Anfang an ausgestrahlt, dass sie hoch hinaus will – und so sei es dann auch gekommen, erinnert sich Detring-Pomplun. „Jetzt muss sie sich nur noch ein bisschen daran gewöhnen, auf der Baustelle mehr Verantwortung zu übernehmen, aber das wird von alleine kommen.“
Begeisterung fürs Handwerk
Zurück auf dem Dach in der Nähe des Weserstadions, wo Michelle Dietrich und ihre Kollegen gerade mit einem Umdecker-Projekt beschäftigt sind. „Umdecken macht mir besonders viel Spaß, weil man da immer wieder etwas anderes sieht“, erzählt sie. Dass sie nach dem Abschluss der Realschule eine handwerkliche Ausbildung starten würde, war ihr schon früh klar. „Mein Vater ist Kfz-Mechaniker, mit dem habe ich oft an Autos herumgeschraubt. Dann wurde vor einigen Jahren bei uns zuhause das Dach gemacht, und ich fand es total spannend, wie die Jungs da oben frei herumgelaufen sind. Da habe ich mir gesagt: Das will ich auch können.“

(Keine) Vorbehalte gegenüber Frauen
Weil sie nicht nur ehrgeizig ist, sondern auch zielstrebig, machte Michelle Dietrich noch während der Schulzeit diverse Praktika bei unterschiedlichen Dachdeckerbetrieben. Als es schließlich darum ging, sich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben, wurde sie auch zu mehreren Vorstellungsgesprächen eingeladen – um sich dann allerdings wiederholt anhören zu müssen, dass man keine Frau einstellen wolle. Ganz anders verlief das Gespräch bei Schmidt Bedachungen, wo mit Katrin Detring-Pomplun nicht nur eine Frau das Steuer in der Hand hält, sondern neben zwei Gesellinnen aktuell auch fünf weibliche Auszubildende beschäftigt sind. „Ich bin da herzlich empfangen worden und habe mich gleich wohlgefühlt“, sagt die 19-Jährige.
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„Was zählt, ist zwischen den Ohren“
Sie habe keine Angst, junge Frauen einzustellen, macht Detring-Pomplun deutlich. Das früher häufig gehörte Argument, Frauen seien körperlich schwächer, zähle nicht. „Es gibt inzwischen so viele Hilfsmittel – da zählt viel mehr, was zwischen den Ohren passiert. Zudem ist die Stimmung auf der Baustelle ist immer besser, wenn Mädels im Team sind. Dann benehmen sich die Jungs tendenziell vielleicht etwas besser.“ Grundsätzlich sei es ihr egal, welches Geschlecht ihre Azubis hätten: „Hauptsache, sie sind motiviert.“ Bei jungen Frauen wie Michelle Dietrich sei das praktisch automatisch der Fall. „Wenn die hier auftauchen, sind sie wirklich überzeugt und haben richtig Bock.“

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Arbeit kann eine Erfüllung sein
Für die 44-jährige Dachdeckermeisterin ist Ausbildung ein entscheidender Faktor, um die Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens zu sichern. Aktuell beschäftigt der Betrieb, der Mitglied der DEX eG ist und dort sein Material bezieht, 100 Mitarbeitende plus Verwaltungskräfte – davon 35 Auszubildende. Vor drei Jahren wurde Detring-Pomplun für ihre innovativen Qualifikationskonzepte und Ausbildungspartnerschaften mit dem „Heribert-Späth-Preis für besondere Ausbildungsleistungen im Handwerk“ ausgezeichnet. Was ihr dabei ein besonderes Anliegen ist: „Wir wollen vermitteln, dass Arbeit auch eine Erfüllung sein und Spaß machen kann.“

Selbstbewusst auf der Baustelle
Bei Michelle Dietrich hatte sie diesbezüglich nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten, die 19-Jährige war von Anfang an mit Begeisterung bei der Sache. „Vor der Gesellenprüfung war ich extrem aufgeregt. Ich weiß, dass ich vieles kann – aber ich wusste nicht, was mich erwartet und wie streng die Prüfer sind.“ Schon zu Schulzeiten habe sie unter Prüfungsangst gelitten: „Darum bin ich schon ein bisschen stolz darauf, was ich geschafft habe“, so Michelle Dietrich. Als Gesellin kann sich die nach eigener Aussage eher schüchterne junge Dachdeckerin „nun selbstbewusster auf der Baustelle bewegen und sich besser gegenüber männlichen Kunden behaupten“. Denn tatsächlich komme es hin und wieder vor, dass sie und ihre Arbeit angezweifelt würden: „Da kommen dann so Fragen wie: Wollen Sie das nicht lieber von einem Kollegen machen lassen?“

Einfach mal ausprobieren
Beeinflussen lässt sich Michelle Dietrich von solchen Aussagen zum Glück nicht. Und weil sie eben ganz genau weiß, was sie kann, hat sie das nächste Ziel schon im Visier: den Meistertitel. Nicht sofort, aber in ein paar Jahren. „Bis dahin möchte ich weiter Erfahrungen sammeln und dann vielleicht mit Anfang oder Mitte 30 als Bauleiterin ins Büro.“

Anderen jungen Frauen, die über einen Einstieg in die Dachdeckerei nachdenken, rät sie, es einfach mal auszuprobieren. „Dafür gibt es ja Praktika und die Probezeit“, macht Michelle Dietrich deutlich. „Die Probezeit ist nicht nur für die Betriebe da, sondern auch für uns. Da können wir schauen, ob wir ein dickes Fell bekommen. Denn zwischendurch braucht es das dann schon noch manchmal.“
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