Inhaltsverzeichnis
- Das vorherige Tätigkeitsfeld passte nicht
- Der alles verändernde Aha-Moment
- Ein Umweg, der sie ans Ziel brachte
- Was sie am Dachdeckerhandwerk begeistert
- Großer Betrieb bietet viele Möglichkeiten
- Norwegen: Vier Wochen Metall, Schnee und neue Perspektiven
- Was in Norwegen anders war
- Meisterschule und danach weiter rauf aufs Dach
- „Einfach machen“
Wenn Freya Bruns über ihren Beruf spricht, merkt man schnell: Hier hat jemand sehr bewusst die Richtung gewechselt und heute genau den richtigen Platz gefunden. Bevor sie auf dem Dach ihre Passion entdeckte, absolvierte sie ein duales Studium der Wirtschaftswissenschaften, machte ihren Master in Logistikmanagement und arbeitete zwei Jahre in der Branche. Auf dem Papier sah das nach einem geradlinigen Karriereweg aus. Für sie fühlte es sich aber nicht richtig an.
Das vorherige Tätigkeitsfeld passte nicht
Freya Bruns beschreibt ihren Wechsel als bewusste Neuausrichtung: „Ich habe die Arbeitgeber gewechselt, um herauszufinden, ob es vielleicht an der Unternehmenskultur oder der Branche liegt.“ Am Ende war die Erkenntnis klar: „Es war einfach die Tätigkeit. Das Sitzen im Büro, die Arbeit am PC. Ich brauchte etwas anderes.“ Dieses „Andere“ war eigentlich längst Teil ihres Lebens. Ihr Vater ist Zimmerermeister, selbstständig, und sie tief im Handwerk verwurzelt. Freya Bruns ist mit der Werkstatt, Baustellen, Renovierungen und der Selbstverständlichkeit aufgewachsen, Dinge mit den eigenen Händen zu schaffen.
„Oben auf dem neu gebauten Stalldach dachte ich: Das ist richtig cool. Das will ich von nun an immer machen.“
Der alles verändernde Aha-Moment
Als Erwachsene ging sie nach dem Masterstudium immer häufiger mit auf Baustellen, zunächst allerdings nebenbei. Ein Moment blieb ihr dabei besonders im Gedächtnis: Oben auf einem neugebauten Stall zu stehen, den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen, mit anzupacken und am Ende des Tages zu sehen, was entstanden ist. „Da dachte ich: Das ist richtig cool. Das will ich von nun an immer machen“, erzählt Freya Bruns.



Ein Umweg, der sie ans Ziel brachte
Im Rückblick wirkt es erstaunlich logisch, dass Freya Bruns heute Dachdeckerin lernt. Dieser Weg war aber keineswegs selbstverständlich. Nach dem Abitur schien ein Studium gesetzt, Alternativen wurden in der Schule kaum aufgezeigt. Das Handwerk spielte zwar im Elternhaus eine Rolle, als eigene berufliche Option hatte sie es lange jedoch nicht auf dem Schirm. Vielleicht brauchte sie genau diesen Umweg, um wirklich bei sich anzukommen.
Mit 28 Jahren entschied sie sich schließlich für eine Karriere im Handwerk. Zunächst absolvierte sie ein Praktikum bei der Uwe Thormählen GmbH, Mitglied der DEX eG und blieb gleich dort für ihre Ausbildung. Das in Elsfleth/Bardenfleth ansässige Unternehmen deckt ein breites Spektrum ab: Dach, Holzbau, Fassade, Photovoltaikanlagen und Klempnerei gehören ebenso dazu wie größere Bauvorhaben als Generalunternehmer. Für eine Auszubildende wie Freya Bruns bedeutet das viele Einblicke, viele Gewerke und viele Entwicklungsmöglichkeiten. „Ich hatte jeden Tag eine andere Baustelle, andere Gesellen und durfte direkt mit anpacken.“ Am Ende der Praktikumswoche war für beide Seiten klar: das passt!
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Was sie am Dachdeckerhandwerk begeistert
Fragt man Freya Bruns, was sie an ihrem Beruf liebt, kommt die Antwort ohne Zögern: die Vielseitigkeit. Metallverarbeitung, Steildach, Schiefer, Abdichtung, Klempnerei – diese Bandbreite macht für sie den Reiz aus. „Man kann sich in ganz viele Richtungen entwickeln.“ Dazu bringt der Beruf genau das mit, was ihr im Bürojob gefehlt hat: Bewegung, frische Luft und sichtbare Ergebnisse. „Man schafft etwas mit seinen Händen. Und am Ende sieht man, was man getan hat.“
Wer mit Freya Bruns spricht, merkt schnell, dass sie ein aktiver Mensch ist. In ihrer Freizeit spielt sie Fußball im Verein, fährt Fahrrad, ist gerne unterwegs und reist viel. Das Handwerk passt deshalb nicht nur fachlich, sondern auch charakterlich zu ihr.
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Großer Betrieb bietet viele Möglichkeiten
Für Freya Bruns war es ein Glücksfall, ihre Ausbildung bei Thormählen zu machen. Der Betrieb ist groß, die Projekte sind vielfältig. Genau diese Mischung schätzt sie sehr. Bemerkenswert findet sie auch den vergleichsweise hohen Frauenanteil im Unternehmen. Neben ihr arbeiten weitere Frauen auf der Baustelle, darunter mehrere Gesellinnen und Auszubildende. In einem Gewerk, in dem Frauen bundesweit noch immer klar in der Minderheit sind, ist das alles andere als selbstverständlich. „Das macht schon einen Unterschied“, sagt sie. „Man kann sich austauschen, man merkt, dass man nicht allein ist.“



Norwegen: Vier Wochen Metall, Schnee und neue Perspektiven
Einen ganz besonderen Abschnitt ihrer Ausbildung verbrachte Freya Bruns im hohen Norden. Im Mai des vergangenen Jahres packte sie ihre Koffer und ging für vier Wochen nach Norwegen. Der Aufenthalt wurde über das EU-Programm Erasmus+ gefördert, mit Unterstützung der Handwerkskammer Oldenburg organisiert und von ihren Chefs sofort mitgetragen. Sie gaben ihr nicht nur grünes Licht, sondern besuchten Freya Bruns sogar vor Ort. Die Idee dazu kam von ihr selbst.
Lernen in Europa: Erasmus+
Auslandspraktika bieten jungen Menschen neue fachliche Kompetenzen. Das EU-Programm bietet jungen Menschen in der Erstausbildung die Möglichkeit, ein Auslandspraktikum in Europa zu absolvieren. Auszubildende können über den Stipendienfinder Mein Auslandspraktikum einen Praktikumsplatz im Programm Erasmus+ finden.
Auslandserfahrung hatte sie bereits durch ein Studiensemester in Lettland und einen längeren Aufenthalt in Australien nach dem Abitur gesammelt. In der Ausbildung wollte sie diese Offenheit nun mit dem Handwerk verbinden. Norwegen hatte sie schon lange gereizt – landschaftlich wie handwerklich. Freya Bruns suchte sich auf eigene Faust eine Gastfamilie und arbeitete in einem kleinen Metallbetrieb, der viele Metalldächer fertigt. Für sie war das ein Volltreffer, denn Metall gehört zu den Bereichen, die sie besonders spannend findet.
Was in Norwegen anders war
Die Unterschiede zu Deutschland spürte Freya Bruns nicht nur in der Arbeitskultur, sondern auch auf dem Dach selbst. Viele Dächer sind in Norwegen aus Metall, damit der Schnee besser abrutschen kann. Grundsätzlich wirken die Konstruktionen funktionaler und sind stärker auf das raue Klima ausgerichtet. Die Skandinavier haben eine andere Art, Dächer zu decken. Ebenso prägend war für sie der Umgang im Betrieb: „Es war viel entspannter“, sagt sie. Der Druck war geringer, der Ton ruhiger, das Miteinander kollegialer. Für sie ist das eine Erfahrung, die nachwirkt. „Das Arbeitsklima hat mir noch einmal gezeigt, wie Zusammenarbeit funktionieren kann.“

Die vier Wochen in Norwegen haben sie fachlich vorangebracht und persönlich gestärkt. Dinge ausprobieren, sich etwas zutrauen, aus dem Gewohnten herausgehen – all das steckt für sie in diesem Aufenthalt. Und genau das möchte sie auch anderen jungen Menschen mitgeben, denn viele hätten Auslandspraktika im Handwerk gar nicht auf dem Schirm, obwohl die Handwerkskammern große Unterstützung bieten. Das kann sie jedem Azubi nur wärmstens empfehlen.
Meisterschule und danach weiter rauf aufs Dach
Freya Bruns denkt schon weiter. Nach ihrer Gesellenprüfung möchte sie den nächsten Schritt gehen und ab Herbst die Meisterschule in Vollzeit besuchen. Nicht, weil sie möglichst schnell zurück ins Büro möchte – im Gegenteil. Sie will auf der Baustelle bleiben, Erfahrung sammeln, dazulernen und besser werden. Den Meistertitel sieht sie als Fundament für später. Jetzt die Weiterbildung machen, solange es gut passt, und dann erst einmal viele Jahre Praxis sammeln. Der Plan klingt durchdacht – so wie vieles an ihrem besonderen Weg.
„Einfach machen“
Am Ende laufen Freya Bruns’ Erfahrungen auf zwei Botschaften hinaus. Die erste lautet: Handwerk ist eine echte Alternative zum Studium. Nicht zweite Wahl, sondern für viele sogar der passendere Weg. Die zweite Botschaft: Man muss nicht alles von Anfang an wissen, aber man muss anfangen. Praktika, Ferienjobs, Auslandsaufenthalte – wer sich ausprobieren will, findet im Handwerk viele Möglichkeiten. Man muss sie nur nutzen. Freya hat genau das getan: Sie hat ein Studium abgeschlossen, im Büro gearbeitet, gezweifelt, neu angefangen und dadurch ihren Platz gefunden. Nicht trotz des Umwegs, sondern vielleicht gerade wegen ihm. Oder, wie sie selbst sagt: „Es ist nie zu spät, noch mal einen neuen Weg einzuschlagen. Warum jahrelang unzufrieden sein? Besser: einfach machen.“